Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 22 (25.8.1917)
- Article
- Zurück zur Scholle
- Date
- 1917-08-25
- Page
- Seite 649 (sequence 3)
- Language
- German
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649 Demgegenüber, besteht aber in den kleineren Städten und auf dem Lande die noch viel allgemeinere Tendenz zur Abwanderung in die Großstadt, dergestalt, daß schon vor dem Kriege nur ein verschwindend kleiner Bruchteil der männlichen jüdischen Jugend dort blieb, wo sie aufgewachsen war. Und, wenn auch in manchen Gegenden der jüdische Besitz an landwirtschaftlichem Nutzboden sich immer noch auf einer gewissen Höhe erhält, so geschieht seine Bearbeitung doch nur in den wenigsten Fällen durch jüdische Hände, wie der Jude auch ebenso selten Viehzüchter, wie häufig Viehhändler ist. Es darf also keine allzu große seelische Disposition zur Rückkehr zum Boden bei den deutschen Juden erwartet werden. Daß von der Bodenständigkeit für die Juden in Deutschland eine ganze Reihe höchst wichtiger und heilsamer Folgen erhofft werden dürfen, bedarf keines Beweises. Eine Sanierung der jüdischen Lebensverhältnisse nach mehr als einer Richtung hin steht zu erwarten. Die körperliche Regeneration, deren Bedeutung bei uns auch noch nicht im entferntesten so gewürdigt wird, wie es notwendig .wäre, kann nicht besser gefördert werden als durch den Aufbau einer möglichst breiten Schicht, die unter den naturgemäßen Lebensbedingungen der Landbevölkerung eine möglichst große Zahl kerngesunder Kinder zu erzeugen und großzuziehen in der Lage wäre. Das Vorhandensein und ständige Sichselbsterneucrn einer solchen Schicht von „Ackerbürgern" in des Wortes ursprünglicher Bedeutung ist das offene Geheimnis aller Erfolge, die die großen, lebenstüchtigen Völker erringen. Aber auch dem geistigen Leben des deutschen Judentums würde die Rückkehr zur Scholle Gesundung bringen. Immer mehr werden unter den jüdischen Gemeinden zwei Typen vorherrschen, die in ihrer grotesken Gegensätzlichkeit verhängnisvoll sind: die moderne Großgemeinde und die Zwerggemeinde. In der Großgemeinde (und am Ausgeprägtesten in der Größtgemeinde) eine lokale Zusammenfassung zahlreicher Einzelindividucn unter so dezentralisierenden Einflüssen, daß ein Gemeindelcben fast nur in der mehr demonstrativen Form des Gottesdienstes in Riesensynagogen möglich ist, — in den Zwerggemeinden der zähe, aber gänzlich aussichtslose Kampf um Erhaltung eines Gemeindelebens unter einer ständig schwindenden Anzahl von ■Menschen, die sehr oft nicht mehr ein Minjan zusammenbringen. In den Großstädten Tausende von judischen Kindern in nichtjüdischen Schulen, kaum erfaßt vom Religionsunterricht, — in den Zwerggemeinden ein jüdischer Lehrer für manchmal nur fünf Schüler, — diese Nebeneinanderstellung zeigt das Ungesunde der Verhältnisse in unwiderleglicher Weise. Würde es gelingen, in zunehmendem Maße eine Bodenständigkeit der. Landjuden herbeizuführen, so würde das die Bewältigung einer der schwersten Krisen, die uns drohen, bedeuten.' Was uns fehlt, sind recht zahlreiche, kleine, aber lebensfähige Gemeinden, ein Aufleben der K'hilias, wie sie unsere Großväter noch gekannt haben. Denn die lebensfähige Kleingemeinde besitzt eine viel stärkere Anziehungskraft, bietet dem einzelnen ein weit größeres jüdisches Arbeitsfeld unmittel-