Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 22 (25.8.1917)
- Article
- Zurück zur Scholle
- Date
- 1917-08-25
- Page
- Seite 648 (sequence 2)
- Language
- German
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645 mitischen Vorwwf, daß die deutschen Juden in den sogenannten produktiven Berufen nicht vertreten seien, und daher nur als minder zu bewertende Glieder der deutschen Wirtschaft zu gelten hätten. Dieser Vorwurf ist nichtig. Auch der Urproduzent schafft heute nur Teilwerte, jedes Produkt unterliegt dem Gesetz der Wertsetzung als Ware, d. h. als gemeinsames Erzeugnis nicht nur der „produzierenden", sondern auch der verarbeitenden und der händlerisch vermittelnden Tätigkeit. Die Unauslöslichkeit aller wirtschaftlichen Tätigkeit aus dieser einen wertschaffenden Kette bedingt, daß von Berufen zweiten Grades innerhalb des Wirtschaftslebens nicht gesprochen werden kann. Wenn daher die Juden, einem leicht erkennbaren ökonomischen Gesetz folgend, heute in der Mehrzahl den freien und händlcrischen Berufen angehören, so liegt darin kein triftiger Grund zu einem Vorwurf verborgen, und es wäre von uns der Gipfel der Torheit, wollten wir lediglich zur Entkräftigung dieses „Vorwurfs", und aus keinem anderen Grunde sonst, die Rückkehr zur Scholle predigen. Tatsächlich aber gibt es eine ganze Reihe von Gründen, die, ohne eine praktische Apologetik wider den Antisemitismus darstellen zu wollen, die Rückkehr eines Teiles des deutschen Judentums zur Bodenkultur äußerst wünschenswert erscheinen lassen. Das bereits erwähnte Bedürfnis, der ins Erwerbsleben tretenden jüdischen Jugend damit einen neuen Beruf zu erschließen, in dem noch eine gewisse Ellbogenfreiheit besteht, ist der nächstliegende, aber weder der einzige, noch der schwerwiegendste. Dieses Bedürfnis allein wird auch heute noch kaum ausreichen, um nennenswerte Erfolge zu erzielen, demi solange der Jude in den Berufen, für die er sich prädestiniert glaubt, auch nur einigermaßen konkurrenzfähig bleibt, solange ist eine prinzipielle Abkehr der Vielzuvielcn von diesen Erwerbsquellen nicht zu erwarten. Alle Hinweise auf den uralten „jüdischen" Beruf der Bodenkultur und alles Verweisen auf das Gedeihen agrarwirtschaftlicher Kolonisation durch Juden in Rußland, Ungarn, Südamerika und Palästina können den nüchternen Blick nicht von der Tatsache ablenken, daß der deutsche Jude wirtschaftliches Neuland betritt, sobald er sich dem Berufe des Landwirtes zuwendet. Die Masse wird zur Eroberung wirtschaftlichen Neulands aber immer erst durch die äußerste Notwendigkeit gedrängt werden, und diese letzte Not liegt heute auch im überfülltesten Beruf nicht vor. Was aber der äußere Zwang erfreulicherweise noch nicht fordert, kann innere Selbstnötigung herbeiführen. Es wäre die idealste Lösung der Frage, wenn der Jude zur Scholle käme, weil in ihm der Ruf mächtig geworden ist, der unwirksam bleiben muß, solange er nur um ihn erschallt. Daß solcher Drang nach Bodenständigkeit und Seßhaftigkeit in steigendem Maß sich bei uns bemerkbar macht, kann keinem Zweifel unterliegen. Nur täusche man sich nicht und glaube, daß hierin eine besondere Eigenart der jüdischen Psyche der Gegenwart zu suchen sei. Vielmehr bemerken wir diese Sinnesrichtung ganz allgemein als die Reaktion der Großstadtbevölkerung auf die Naturwidrigkeit ihrer Lebensführung. Die Juden, die in der Mehrzahl Großstädter sind, nehmen naturgemäß an dieser Bewegung den entsprechenden Anteil.