Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 22 (25.8.1917)
- Article
- Archiv für jüdische Wirtschaftsfragen
- Date
- 1917-08-25
- Page
- Seite 643 (sequence 3)
- Language
- German
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643 tind Arbeitegenossenschaften, Regelung des Auswandererbankwesens, berufliche Umschichtung, Überführung in Landwirtschaft u. dergL), die aber für uns westliche Juden, die wir die Arbeit in die Wege leiten müßten, absolut terra incognita bedeuten, während anderwärts, bei den Poale-Zion, in Rußland, in Amerika, die Erfahrungen längst vorliegen. Statt diese für uns zunutze machen zu können, bleiben wir wiederum aufs Experimentieren angewiesen — welche ungeheure Menge von Nationalvermögen auf diese Weise verloren geht, läßt sich auch nicht annähernd schätzen! Es wäre also vor allem notwendig, die reiche Fülle an vorliegendem Material, an Fakten wie an Erfahrungen, zu sammeln, und neutralistisch zu verarbeiten. Wir br au c h on eine Art vo n A i c h i v für sämtliche Geschehnisse und Verhältnisse sozialer und wirtschaftlicher Art, ein Archiv natürlich, in dem das Material nicht als totes Kapital aufgespeichert wird, sondern wo es durch aktive wissenschaftliche Verarbeitung dem praktischen Leben dienstbar gemacht werden muß, ein Archiv, in dem Monographien aus sämtlichen jüdisch-ökonomischen Gebieten entstehen und in dem die wirtschaftliche Situation des deutschen Juden, des Handlungsgehilfen oder des Getreidehändlers nicht minder erfaßt wird, wie die Frage des jüdischen Handwerkerproletariats in Rußland, der jüdischen Schneidergewerkschaften in Amerika, der Wanderungsphänorrjene oder der Einführung der Milchwirtschaft in den palästinensischen Kolonien. Auf diese Weise kann die Möglichkeit geschaffen werden, wenn auch vielleicht nicht die gesamte praktische Volksarbeit einheitlich, d. Ii. von einer Zentralstelle aus zu dirigieren und organisieren., wohl aber, diese nach wie vor von den „Landsmannschaften4' oder anderen Einzelinstanzen zu leistende Arbeit nach einheitlichen Gesichtspunkten zu regeln, und den ausführenden Organen stets Material und llilfe jeder Art zu verschaffen. Daß diese Zentralstelle, welche das Material zu verarbeiten hat, keinerlei politischen, sondern eher einen wissenschaftlich-alljüdischen Charakter haben muß, geht aus dem bisher Gesagten ohne weiteres hervor und bedarf keiner Begründung. Hier sollen nun zwei Vorschläge unterbreitet werden, -die das Problem vielleicht auch noch nicht lösen können, die aber ohne Zweifel diese Lösung wesentlich zu erleichtern und vorzubereiten geeignet sind. Der erste Vorschlag entsprang gedanklicher Konzeption und ist mit allen Nachteilen einer solchen behaftet. Der zweite Vorschlag, der ihm zur Ergänzung beigegeben ist, hat den erheblichen Vorteil, daß er in Anlehnung an bereits anderwärts bestehende Dinge formuliert wTerden konnte. II. Die Organisation sfor m. Das Archiv ist als die Vorstufe zu einer Gesellschaft von hervorragenden Sozialpolitikern * gedacht. An der Spitze soll neben einem Präsidenten, als welcher ein jüdischer Sozialpolitiker von wissenschaftlichem Ruf zu gewinnen wäre, ein Prüfungsausschuß stehen. Dieser setzt sich aus „Fachleuten'4 zusammen, d. h. aus solchen Kräften, die in der Lage sind, einlaufende Arbeilen über irgendwelche Einzel- . fragen aus dem allgemeinen jüdischen Sozial- und Wirtschaftsleben auf ihre Richtigkeit, auf ihren wissenschaftlichen Wert und. falls sie positive