Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 22 (25.8.1917)
- Article
- Archiv für jüdische Wirtschaftsfragen
- Date
- 1917-08-25
- Page
- Seite 642 (sequence 2)
- Language
- German
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642 der „praktischen Völksarbeit" ist ganz allgemein jener unbegrenzte Komplex von Arbeiten zu verstehen, der die öffentlichen Angelegenheiten eines jeden Volkes in jeder Hinsicht, d. h. also in sozialer, wirtschaftlicher, nationaler, politischer, geistiger usw. Hinsicht ausfüllt. Hier scheint es geradezu ein unmögliches Beginnen, Zusammenhang, Einheit und Organisation in die Tätigkeit hineinzubringen und jenes Sta>dium zu überwinden, in welchem ebenfalls nur Teilarbeit, Arbeit innerhalb von Gruppen, die nach Zeit und Raum isoliert sind, geleistet werden konnte. Selbst die zionistische Organisation, die jetzt auf ein SOjähriges Bestehen zurückblickt und dieammerhin das Verdienst hat, daß sie als erste Organisation seit langer, langer Zeit wieder den Sinn für diese Zusammenfassung und Einheit erweckt hat, selbst .sie hat in das Gebiet der praktischen Volksarbeit.nicht das geringste an Einheitlichkeit hineinbringen können — sie sah sich genötigt, diese Arbeit der freien Willkür ihrer einzelnen Landsmannschaften zu überlassen und dadurch das Prinzip der analytischen Behandlung auch weiterhin anzuerkennen. Sie tat es um so mehr, als sie ihrem ganzen ideologischen Aufbau nach glaubte, daß ihre Aufgabe weniger auf diesem Gebiete als auf dem der eigentlichen Zionisierung liege, daß sie weniger in der Diaspora praktische Volksarbeit zu leisten als sich vielmehr ganz darauf zu konzentrieren hätte, daß Palästina wieder jüdisch — und daß die Juden wieder palästinensisch orientiert würden. So steht auch diese Organisation, nachdem sie sich dem Goluthproblem erst ganz neuerdings zuzuwenden beginnt, völlig im Anfang, völlig vor den Toren dieses Problems. Aber ganz abgesehen von allen anderen Gründen, die dafür sprechen, daß hier endlich einmal grundsätzlich Wandel geschaffen wird, müßte schon die maßlose Verschwendung an Arbeitskraft, Zeit und Geld, an Nationalvermögen jeder Art, die das bisherige System notgedrungen mit sich bringt, dazu Anlaß geben. Es dürfte mutmaßlich kaum ein Volk geben, daß in Wirklichkeit, rein quantitativ, so viel praktische Volksarbeit aus sich her a u s leistet, wie das unsere, insbesondere auf den Gebieten der Philantropie, der sozialen Fürsorge und des Erziehungswesens. Aber um einen Vergleich durchführen zu können, müßte erst all das an Arbeit zusammengestellt werden, was die Juden tatsächlich leisten, — und einer solchen Zusammenstellung fehlen alle, aber auch alle Vorbedingungen. Die Tätigkeit verflüchtigt sich allüberall und fließt manchmal sogar in unterirdische Kanäle (wie z. B. die verborgene Philantropie).- Nirgends weiß man etwas von der Arbeit, wie sie einige hundert Kilometer entfernt gehandhabt wird. Die umfangreichen und wertvollen Leistungen in Rußland und Amerika sind uns in Deutschland beispielsweise völlig unbekannt. Die Folge ist, daß jeder Entschluß, irgendwo irgendwelche Arbeit zu leisten, notgedrungen einen neuen Versuch darstellt, dessen Kostspieligkeit erheblich hätte herabgemindert werden können, wenn man auf den bereits anderweitig vorliegenden Erfahrungen aufbauen würde. So weist z. B. heute das Programm der praktischen Arbeit unter den Ostjuden eine ganze Reihe von Punkten auf, die zweifellos realisiert werden müssen (wie Errichtung von Spar- und Darlehnskassen, Produktiv-, Konsum-