Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 22 (25.8.1917)
- Article
- Glaube und Heimat
- Date
- 1917-08-25
- Page
- Seite 640 (sequence 12)
- Language
- German
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640 siediungsprogramm nicht in Frage kommt, darüber sind wir wohl alle einig. Wir müssen das Judentum also auch abseits von Jerusalem und Zion wieder beleben, Kämpfen wir gegen Antisemiten und Täuflinge, Unterschätzen wir nicht den Wert der Abwehrkämpfe. Die Behauptung des Rechts ist eine Pflicht unserer moralischen Selbsterhaltung gegen die Glaubensgemeinschaft, Wir müssen für die Gleich berech ti-gung der Judenheit eintreten um der Gleichb e w e r t u n g des Judentums wegen, um den Abfall der Schwachen zu verhüten. Abwehr verlangt Wissen, und Wissen bringt Selbstbewußtsein und Stolz und Treue, die über das Ende des Kampfes hinausreicht. Kämpfen wir gegen das Renegatentum und arbeiten wir gemeinsam an dem Hilfswerk für Entrechtete und Heimatlose. Ich lege auf das Zusammenarbeiten der Organisationen das größte Gewicht. Unsere jüdischen Organisationen müssen den Juden geschlossen entgegentreten, die glauben, Judenpolitik auf eigene Faust treiben zu können, diu sich in die bestehenden Organisationen nicht einfügen wollen und die, weil sie in der Bewegung nicht stehen, durch seichten individuellen Rationalismus die Judenfrage lösen zu können glauben, die in ihrer Naivität glauben, man brauche bloß die Speisegesetze aufzugeben, dem Talmud abzuschwören, das jüdische Gemeindewahlrecht aufzugeben, die Sozialdemokratie zu stützen oder zu bekämpfen und dergleichen Naivitäten mehr, und dann sei die Judenfrage endgültig gelöst. Ein methodisches organisiertes Zusammenarbeiten ist jetzt mehr denn je notwendig. Die Regierung ist vorurteilsloser geworden; in den unteren Schichten des Heeres und der Bevölkerung hingegen regt sich nach der ursprünglichen Einigkeit wieder der Geist der Verhetzung. Wieder sind große Kräfte am Spiele, die den heraufziehenden Unwillen des Volkes von sich auf die Juden ablenken wollen. Das wird uns vielleicht dazu führen, zu der Regierung eine andere Stellung zu nehmen. In der 0 s t j u d e n - frage, in der eine bedauerliche Kräftezersplitterung stattfindet, ist ein gemeinsames Vorgehen dringend notwendig. Nun, da auch in Rußland das Morgenrot der Freiheit zu dämmern scheint, wird es unschwer sein, auch die Ostjudenfrage im Sinne der Menschlichkeit zu lösen oder wenigstens das Ostjudenelend zu lindern, ohne für die gesamte Judenheit ein nationales Banner aufpflanzen zu müssen. Ich glaube kaum, daß ein Widerstreit darüber sich erheben wird, daß in allererster Reihe man darauf hinzuwirken haben wird, ihnen dort, wo sie leben, Heimat, Menschenrecht und Menschenfreiheit zu schaffen. Wir werden auch darüber einig sein, daß man in Ansehung der Freizügigkeit die Ostjuden nicht unter ein Ausnahmerecht stellen darf, daß nur für sie, nicht für die christlichen fremden Nationalitäten gilt. Der Gedanke der Abwanderung und Umpflanzung auf fremden Boden kommt dann erst in zweiter Reihe, wenn menschenwürdige Daseinsbedingungen dort an der Stelle, an der sie jetzt leben, nicht in absehbarer Zeit geschaffen werden können.