Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 22 (25.8.1917)
- Article
- Glaube und Heimat
- Date
- 1917-08-25
- Page
- Seite 639 (sequence 11)
- Language
- German
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639 Staates oder einer jüdischen Nation. Weshalb sollen wir noch einmal Nation und Staat schaffen? Nach meiner Auffassung degradieren wir das Judentum, wenn wir seinem geistigen Ideenkreise einen Körper geben, der ratnn-zeitlich lebt und stirbt, der blüht und verwelkt. Völker und Staaten vergehen wie Spreu vor dem Winde; selbst Rom ist untergegangen und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. In der Diaspora aber ist durch Jahrhunderte und Jahrtausende der jüdische Gedanke leben geblieben und immer lebendiger geworden. Glauben die Zionistcn, daß jetzt, wo die Nationen sich immer mehr abschließen, und nur. die Ideen Brücken zu den Nationen schlagen, daß wir die Idee des Judentums kraftigen, wenn wir sie nationalisieren? Ich glaube es nicht. Wir setzen das Judentum gegenüber den anderen Religionen und Bekenntnissen herab, wenn wir das in den körperlichen Nations- oder Staatsbegriff einzwangen, was ein universeller Religions¬ und Sittlichkeitsbegriff ist. Das scheint mir die Gefahr zu sein, die die Zionistcn für das Judentum heraufbeschwören, daß sie seinen messianischen Beruf schwachen, wenn sie den nationalen Gedanken in den Vordergrund stellen, wenn sie aus dem „Volke des Buchs" ein leibhaftiges Wald- und Wiesenvolk machen. Der Gedanke, in Palästina eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte oder einen nationalen jüdischen Staat zu schaffen, der den Heimatlosen eine Heimat, den anderen ein Vorbild und Jungbrunnen sein wird, mag Werbekraft haben und die Juden starker aufrütteln, aber das Mittel ist mehr berauschend als kräftigend. Ich glaube nicht, daß der Staat, den die Juden dort aufrichten werden, für die Westjuden ein Jungbrunnen sein, und daß die Juden Palästinas auch für sie Pioniere und Vorbilder sein werden. Bedenken wir die Gefahr, die wir für die Judenheit der Diaspora heraufbeschwören. Sollte dieser Staat — und nach ihm müssen alle Heimstätten und Nationsbestrebungen tendieren — eintreten in den Haß und Streit der Völker? Soll er zu den Mittelmächten oder zur Entente halten? Soll er ein Staat mit garantierter Neutralität oder der Spielball der großen Mächte sein? Was wir in dieser Frage von englischen Stimmen hören, mahnt doch zur allergrößten Vorsicht. VII. Und was nun? Zwei Weltauffassungen stehen sieh gegenüber, die beide dasselbe Ziel verfolgen, das Judentum neu zu beleben. Sie streiten über Weg und Endziel. An sich ist ein Streit der Ideen kein Unglück; im Gegenteil, er ist ein Symptom des Lebens. Für uns ist nichts schlimmer als Indifferentismus und Stagnation. Mir ist die falsche Bewegung lieber als die Ruhe der Leblosigkeit. Führen wir den Kampf im Lichte der Wahrheit, mit den Waffen des Geistes, beseitigen wir alles, was Beschimpfung, Verhetzung und Denunziation ist, so wird unser Kampf nicht vergebens sein. Weg mit den Schlagwörtern: Assimiiant und vaterlandslos, unjüdiseh und undeutsch, jüdischer Chauvinist und deutscher Chauvinist usw. Kämpfen wir gemeinsam gegen den gemeinsamen Feind, und stellen wir ihm gegenüber zurück, was uns trennt. Daß die Westjuden hier bleiben werden, daß für sie ein über-