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Neue jüdische Monatshefte · 1917-08-25 · Heft 22 (25.8.1917) · p. Seite 638

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 22 (25.8.1917)
Article
Glaube und Heimat
Date
1917-08-25
Page
Seite 638 (sequence 10)
Language
German
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638 VI. Wäre es richtig, daß der Zentralverein den Abfall und den Zerfall des Judentums, der Zionismus aber den Antisemitismus befördert, so würde ich mich keinen Augeblick besinnen und mit fliegenden Fahnen in das Zionistcnlager übergehen. Denn von den beiden Brandungen, die den Fels des Judentums umspülen, — dem Haß der Antisemiten und dem Abfall der Täuflinge —, halte ich das erstere für das kleinere übel. Würde der Antisemitismus nicht das deutsche Vaterland so schädigen und gefährden, wie er es — Gott sei es geklagt — tut, und wie es jetzt jedem auf der Welt offenkundig wird, so würde ich als Jude den lieben Gott bitten, daß er uns Juden den Antisemitismus erhalte bis zur völligen Gesundung des Judentums. Denn daß der Haß der Umwelt kein Kriterium für unsere Bewertung sein kann, sieht man an dem Deutschenhaß. In seiner Wirkimg aber erweist sich der Antisemitismus als die Kraft, die das Böse will und das Gute schafft, als der Dünger, der dem Baume dos Judentums neue Lebenssäfte gibt, Säfte, die reichen Ersatz für den Abfall der welken Blätter und des wurmstichigen Fallobstes bringen. Aber ich kann es nicht anerkennen, daß die Lebensauffassung des Zentraivereins den Verfall und Zerfall des Judentums befördert, und daß der zionistische Gedanke das Judentum mehr erhält und belebt als unsere Auffassung. Nicht um des Antisemitismus, sondern um des Judentums wegen wollen wir reinliche Scheidung und Klärung. Was erhält denn das Judentum und was gefährdet csV Für mich liegt das Wesen des Judentums mit. seinen seelischen und kulturellen Werten nicht in seiner Nationalität; seine Ewigkeitswerte liegen in seiner Religion, Ethik, seinem Ideenkomplex: dem Monotheismus, der sich bei ihm in reinster, abstraktester Form zeigt, dem Messianismus, der noch nicht erfüllt ist, sondern ein dauernde? Ideal bleibt, dem wir zustreben, dem Optimismus, der das Leben bejaht, der Gottesebcnbildlichkcit des Menschen, der eine reine Seele empfangen hat und ohne eine Mittlerschaft sich mit Gott versöhnt und göttlicher Gnade teilhaftig wird, der Mission zur Selbstheiligung, d. h. zur Nächstenliebe und Gerechtigkeit und zur Verbreitung von Religion und Sittlichkeit unter den Menschen.- Dieser Beruf ist zwar an ein Volk ergangen; aber als Staat ist Juda untergegangen und als Volk in alle Winde zerstreut, 'so daß ein jüdisches Nationalbewußtsein bei der großen Masse der Westjuden ganz und gar und selbst bei denen erloschen war, die gute Juden sein wollten und zu sein glaubten. Und nun wollen die Zionisten das Judentum und seinen Ideenkomplex wieder beleben dadurch, daß sie den teils verglommenen, teils verglimmenden Funken des Nationalbewußtseins wieder zu einer nationalen Flamme entfachen, daß sie eine Nation zu schaffen sich bemühen, die ein Land und eine Sprache hat. Wir glauben nicht, daß die Mission des Judentums in der Diaspora verkümmert, und daß wir die Kulturwerte des Judentums schwächen, Wenn wir seine Mission unabhängig machen von dem Gedeihen oder Verderben eines jüdischen

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