Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 22 (25.8.1917)
- Article
- Glaube und Heimat
- Date
- 1917-08-25
- Page
- Seite 637 (sequence 9)
- Language
- German
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637 aneignen wollen. Daß dieser Vorwurf grundlos ist, haben sie im Kriege bewiesen. An Begeisterung und opfervoller Hingabe, an Treue für Kaiser und Reich haben sie keinem Deutschen nachgestanden. Daß das Staatsbewußtsein übrigens kein schwächerer Kitt ist als der nationaler Zusammengehörigkeit, hat die Geschichte der letzten Jahre selbst dem Widerwilligen und Blöden gezeigt. Nicht die Völker, nicht die Rassen, sondern die Staaten kämpfen gegeneinander und bestehen die Feuerprobe des Zusammenhaltens. 2. Daß der Zionismus deil antisemitischen Mühlen Wasser gibt, wenn er uns zu Fremden im deutschen Wirtsvolke stempelt, wird man nicht gut in Abrede stellen können; denn der Antisemitismus stützt sich im letzten Grunde darauf, daß wir fremd und minderwertig nicht sowohl von Religion» als Rasse wegen seien. Das arisch-germanischteutonische Volk ist den Antisemiten das Vollwertige, das semitische das Minderwertige. Indessen h: Uo ich das für gleichgültig. Was gibt den Antisemiten nicht Wasser a< ihre Mühle? Wenn wir unser Verhalten danach einrichten, was sie sagen oder denken, so werden wir entweder Narren oder Schurken werden. Dabei ist es gleichgültig, ob uns der Radauantisemitismus der Gasse oder der wissenschaftlich verbrähmte Antisemitismus des Katheders gegenübersteht, ob unser großer Philosoph, E d u a r d v o n H a r t tn a n n meint: solange der Jude sein Nationalgefühl mit einem jüdischen Stammesgefühl teile, gäbe es keine Vertrauensstellung, ob Treitschke die Palme wahren Ruhmes nur einem Juden zuerkennen will, der g a n z u n cl ohne V o r b e halt im deutschen Leben aufgeht, und ob P a u 1 s e n von den Juden verlangt, daß sie sich vollständig mit den europäischen Nationen assimilieren müßten. Denn unsere Radau- und Geschäftsantisemiten erkennen den Willen, deutsch-national zu sein, als ein nationales Kriterium nicht an, und unsere wissenschaftlichen Antisemiten vom Schlage der von Treitschke und von Hartmann erkennen diesen Willen zwar an, verlangen aber eine Betätigung, die uns unmöglich ist, weil wir Treue um Treue brechen sollen. Aufgehen ohne Vorbehalt und vollständige Assimilierung ist doch nur der saubere Ausdruck für die perfide Taufe, und wenn von Hartmann, weit davon entfernt, denjenigen zu tadeln, der sich .zu diesem Schritte entschließt, d.h. „durch eine entschiedene Unwahrheit in dem Bekenntnis, weltliche Vorteile zu erwerben und damit das Odium des Glaubenswechsels auf sich zu nehmen, sogar die Stärke eines Patriotismus und Familiensinns bewundert, die ein persönlichmoralisches Martyrium auf sich nimmt", so versündigen sie sich an der Ethik unseres größten deutschen Geistesheroen, an dem Gedanken Goethes, daß ein jeder, der die Religion wechselt, mit einer Art von Makel bespritzt wird, von" der es unmöglich scheint, ihn zu . reinigen. An anderer Stelle habe ich auf Riessors Wort hingewiesen (I. D. R. 1912 S. 403), daß Deutschlands Helden und Weise uns nicht gelehrt haben, daß man .durch Opfer von Treue und Glauben, Wahrheit und Ehre ein Deutscher wird.