Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 22 (25.8.1917)
- Article
- Glaube und Heimat
- Date
- 1917-08-25
- Page
- Seite 635 (sequence 7)
- Language
- German
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635 4. So wonig mein Deutschtum durch mein Judentum verkümmert wird, so wenig wird mein Judentum d. h. meine Glaubens- und Stammestreue dadurch beeinträchtigt, daß ich sie nicht zu einem Nati onalb wüßt s ein mache. „Auch wir wollen innere Wiederbelebung, Renaissance des Judentums, nicht Assimilation, stolz in der Eigenart und unserer geschichtlichen Entwicklung treu bleiben8)." Wie ich über das Assimilantentum denke, habe ich seit mehr als einem Jahrzehnt wiederholt dargelegt, „Das Wort As s i milan tentum ist ein Schlagwort geworden, das wir klären müssen. Wenn Assimilantentum heißt, die Eierschale des Ghettos abwerfen, brechen mit dem, was abgelebt und abgestorben ist, brechen mit Kaftan und Stirnlocke, so wird niemand gegen ein solches Assimilantcntum etwas einzuwenden haben. Wenn Assimilantentum aber heißt, mit geheiligtem Brauch des Vaterhauses brechen, die Erscheinungen jüdischen Geistes und jüdischen Herzens, jüdischen Gemüt« und jüdischen Familiensinns aufgeben, wenn es heißt, das eine preisgeben und das andere lassen, nicht weil es das Bessere, sondern weil es das Andere ist, so wird jeder dieses Assimilantentum bis in den Grund seiner Seele verabscheuen. Wir wollen auf deutschem Boden an deutscher Kultur mitarbeiten und treu bleiben an dem, was wir aus jüdischem Hause, aus jahrhundertelanger, jahrtausendelanger jüdischer Geschichte als berechtigte Eigenart unseres Stammes mitbekommen haben °)."..... Weshalb nennt man uns Zentralvereinler Assimilanten?; doch nur um die. Lebensauffassung des Zentral Vereins herabzusetzen und die Nationaljuden als Erbpächter jüdischen Stolzes auszugeben. Uns Zentralvereinlern gegenüber ist das Wort: Assimilant ein Schlagwort ohne Inhalt. Wer der Glaubensgemeinschaft in unserem Sinne die Treue bewahrt, ist nicht deswegen Assimilant, weil er deutschnational fühlt. Die Dinge liegen für die Ost- und Westjuden verschieden. Im Osten sind die Juden nicht bloß eine Glaubensgemeinschaft, sondern eine Nationalität mit besonderer Sprache, besonderer Kultur. Ihre Artverschiedenheit corpore et animo gegenüber ihren Landsleuten ist so groß, daß es sich nicht bloß um soziale Schichtungen, sondern um eine nationale Differenzierung handelt. Wer dort diu jüdische Nationalität aufgibt, sich germanisiert oder polonisiert, den mag'man einen Assimilanten nennen; wer aber liier dem Judentum die Treue bewahrt, wird nicht Assimilant, wenn er an deutscher Kultur mitarbeitet. Wenn man uns, weil wir kein jüdisches Nationalbewußtsein haben, unjüdisch nennt, jüdischen Stolz und Selbstbewußtsein abspricht, so widerspricht das der Wahrheit und Gerechtigkeit. Wir haben das Renegatentum abgelehnt, Taufe als Fahnenflucht und Treulosigkeit gebrandmarkt, noch ehe die zionistische Bewegung da war. Nicht bloß selbst Treue zu üben, sondern auch die Kinder zur Treue anzuhalten, für die Gleichberechtigung der Judenhoit und «) .,1. 1). R." 1012, Seite 2G9. «») „I. D. R.t; 1913, Seite 218.