Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 22 (25.8.1917)
- Article
- Glaube und Heimat
- Date
- 1917-08-25
- Page
- Seite 634 (sequence 6)
- Language
- German
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634 weit getan, in der ich erzogen bin und in der ich weiter lebe. Aber diese Art und Stammesprägung differenziert mich nicht in nationaler Beziehung von den deutschen Christen, beeinträchtigt meine Zugehörigkeit zur Gattung: Volk nicht und entfremdet mich dem Deutschtum so wonig, so wenig die besondere Stammesprägung in nationaler Beziehung den friesischen Bauern vom rheinischen Industriearbeiter oder vom Berliner Proletarier trennt. Ich fühle mich als Anwalt sozial und geistig dem christlichen A n w a 11 näher als dem jüdischen Händler oder Handwerker. Hier in der Heimat werden wir uns nur mehr der trennenden als der gemeinsamen Eigentümlichkeiten bewußt. Ich bin fest überzeugt, daß, wenn ich mit einer Reihe von Menschen in die fremde Wildnis verschlagen würde, ich zuerst Annäherung an den Deutschen suchen werde, mag er Jude oder Christ sein, und daß ich nicht in allererster Reihe zu dem mich hingezogen fühlen würde, der nicht Deutscher, aber Jude ist. So wie ich, wenn die Erdteile gegeneinanderstehen, mich auf die Seite der Europäer stellen würde, gleichgültig ob sie Christen oder Juden sind, und mich keineswegs zu Afrikanern oder Asiaten hingezogen fühlen würde, bloß weil sie Juden sind. 3. Ist Deutschtum und Christentum nicht identisch, kann man Christ sein, ohne Deutscher zu sein und Deutscher sein, ohne Christ zu sein, so wird mein Deutschtum auch nicht durch die Zugehörigkeit zum Judentum beeinträchtig t. „Wenn v. Treitschko sagt, daß das Judentum nicht so deutsch ist wie das Christentum, das Christentum deutscher als das Judentum, so versündigt er sich in antisemitischer Verblendung nach meiner Auffassung an den Gesetzen der Logik. Was er sagt, sind Begriffe, die für meinen schlichten Menschenverstand unfaßbar sind. Sind etwa die Christen in Frankreich französischer, in England englischer, in der Türkei türkischer als die Juden, und wie sind sie in den völkergemischten Staaten, in der Schweiz undin Österreich? Ist dort das Christentum schweizerischer und österreichischer als das Judentum? Will v. Treitschke sagen, daß es ein Vorrecht der Christen sei, vaterländischer zu sein als die Juden, so würde er sich an der Wahrheit versündigen; denn das Judentum gebietet seinen Bekenncrn, den König zu lieben und zu segnen, das Vaterland zu ehren und ihm in Treue anzuhängen. Daß es auf der Welt nichts Unchristlicheres als den „christlichen Staat" gibt, haben nicht Juden, sondern überzeugte Christen gesagt7). 7) „Daß man auf dem Boden der Evangelien stehen" und doch „den christlichen Staat wollen könne", und daß man obendrein zugleich Jude sein könne, will uns Walter Rathenau's Streitschrift vom Glauben (Seite 28, 41) Ichren. Eine verblüffende Vielseitigkeit! Rathenau nennt den Satz vom christlichen Staat einen unangreifbaren. Daß rechtgläubige C h r i s t o n über den Begriff des christlichen Staates ganz anders gedacht, daß Männer, wie der Abgeordnete von Vincke, der Professor des Kirchenrechts Sohm, der Historiker Treitschke, Gildemeistcr u. a., ihn als Mythe, einen Begriff ohne Inhalt, als eine Idee, von der man sich kein Bild machen könne, bezeichnet habe, darüber vgl. meine^Vorträge in „J. D. R." 1903, Seite 108, 398.