Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 22 (25.8.1917)
- Article
- Glaube und Heimat
- Date
- 1917-08-25
- Page
- Seite 633 (sequence 5)
- Language
- German
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633 deutsches Juden geben könnte, die jüdisch - n a t i o n al empfinden. Dabei habe ich von meiner Kindheit an den Antisemitismus gekannt und unter ihm gelitten. Schon als Schüler der jüdischen Elementarschule — ich habe sie bis zu meinem zwölften Lebensjahr besucht —, haben wir mit den christlichen Jungen Kriege geführt und Schlachten geschlagen; das Schimpfwort „Judenjunge" und d'er gelegentlich darauf folgende Steinwurf sind mir in den Kindheitstagen voll vertraut gewesen, und noch auf dem Friedrichsgymnasium, das ich in Breslau besucht habe, hat es ein ausgesprochenes christliches und jüdisches Heerlager und ein gerütteltes Maß von Judenhaß gegeben. Aber das waren Balgereien und Raufereien nicht mit nationalem, sondern mit religiösem „Einschlag". Wir haßten uns von Religions, nicht von Kations wegen. In der Univorsitiits- und in der Referendarzeit, die für mich in die Mitte der siebziger Jahre fiel, schien der Haß geschwunden zu sein, bis die Stöckerbewegung, der Verlauf meines Offiziersexamens (1878), der Mißerfolg meiner Habiiitations- und Anstellungsbemühungen,' mir mein Judentum zum vollen Bewußtsein brachte. Ich bin frühzeitig in dio Abwehrbewegung eingetreten; ich habe den Zentralverein Deutschor Staatsbürger jüdischen Glaubens mitbegründet, und obwohl ich, das kann ich wohl sagen, an jüdischem Selbstbewußtsein und jüdischer Stammestreue mich von keinem Zionisten übertreffen lasse, fühle ich mich, trotzdem ich fast ein Menschenalter in der Bewegung stehe, in meinem Gemüt und in meiner Kultur so eins mit dem deutschen Volke, daß ich mich auch national zu ihm bekenne. Für mich ist da-s Judentum eine Religions-, eine Stammesgemeinschaft, keine Nation. Ich will nicht anders als deutsch-national sein und will mir nicht einreden, daß ich jüdisch-national bin oder jüdisch-national werden müßte, um das Judentum zu beleben, und die Treue zu üben, die ich ihm gegenüber schuldig bin. Für mich gilt der stolze Römersatz: Status permutatlo est capitis deminutio. 2. Es wäre unaufrichtig, zu leugnen, daß ich als Jude eine besonder e E i g e n a r t habe, daß die jüdische Abstammung, das jüdische Vaterhaus mir nicht eine bloß religiöse, sondern auch eine besondere geistige und wohl auch körperliche Prägung mitgegeben haben. Was Achad Haam von sich sagt, kann ich auch von mir sagen: Ich denke deutsch und fühle jüdisch. „Ich bin ein Mensch in der angeborenen jüdischen Prägung, die als Erbschaft von Jahrtausenden in. mir lebt und wirkt. Ich habe es nie nötig, mich vor der lebendigen Wirklichkeit abzuschließen, um weiter Jude bleiben zu können, und ich brauche nicht mir selbst mein Jude sein wegzudisputieren, um Mensch unter Menschen sein zu können." (Vgl, AI Parasehat Derachim, T, 132; Ehrenpreis, „Der Jude'4 1916 S, 364.) Für mich liegt die Synthese von Deutschtum und Judentum in folgendem: Ich bin Deutscher von Nation, Jude von Religion und Stammes wegen. Wie mir die Zugehörigkeit zu Preußen, die schlesische Heimat, das Kaufnumnshaus der Eltern, die akademisch-juristischeadvokatorische Tätigkeit eine gewisse Prägung aufgedrückt haben, so hat es ganz besonders auch das jüdische Elternhaus, die jüdische Um-