Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 22 (25.8.1917)
- Article
- Glaube und Heimat
- Date
- 1917-08-25
- Page
- Seite 632 (sequence 4)
- Language
- German
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632 animus. Natürlich kann der bloßo Wille den Fremdvölkischen nicht zum Völkischen machen, so wenig er den Neger zum Weißen, den Mongolen zum Kaukasier machen kann. Je länger aber der einzelne Volksgenosse im fremden Volke lebt, um so mehr werden die objektiven Fremdheitsmomente zurückgedrängt, und es tritt das subjektive Willensmoment in den Vordergrund. .Hieraus ergibt sich für mich, daß die Frage, ob die Juden, eine besondere Nation und nur Gäste im fremdenWirtsvolkc sind oder ob sie unter ihren „Wirtsvölkern" ihre nationale Sonderart verloren und nur Stammeseigenarten haben, nicht einheitlich, sondern raum-zeitlich verschieden (Ost-, Westjuden usw.) und individuell zu beantworten ist. 3. Welches von den objektiven Momenten (Geburt, Boden, Sprache, Kultur usw.) das schwerwiegendste ist, brauche ich nicht zu entscheiden, .weil mir und den anderen Zentralvereinlern, ja ich möchte sagen, der erdrückenden Mehrzahl der jüdischen Deutschen alle objektiven Begriffsmerkmale fehlen, die gemeinhin als Kriterien einer jüdischen Nation gelten könnten. Wir sprechen nicht hebräisch °), für uns ist Palästina nicht unser Geburtsland, die Wiege unserer Kindheit, nicht die Grabstätte unserer Eltern; ich kenne es nicht und es ist nicht einmal das Land meiner Sehnsucht, nicht die Heimat, der ich nachstrebe, nicht A\\e angulus, qui mihi praeter omnes ridet. Ich spreche deutsch, empfinde deutsch; deutsche Kultur und deutscher Geist erfüllen mich mehr als hebräische Dichtung und jüdische Kultur. Bin ich in der Fremde, so sind Deutschland, deutsche Natur, deutsche Volksgenossen, der Gegenstand meiner Sehnsucht; ich mag im Orient nicht leben und nicht sterben. Wie meine Eltern und Voreltern deutscher Staub geworden 'sind, so will auch ich es dereinst werden. Ich bin zwar ein Kind jüdischer Eltern, und unser Haus war ein jüdisches Haus; a-ber auch meine Eltern haben deutsch-national empfunden, und der jüdische Einschlag, den ich bekommen habe, ist kein nationaler, sondern ein Einschlag anderer Art gewesen, auf den ich noch zurückkomme. IV. 1. Ich bin fest überzeugt, daß tausende deutscher Zionisten gleich wie ich denken und fühlen» Für sie ist die Nationsfrage nicht eine Frage des Seins, sondern des Willens. Sie wollen nationaljüdisch, nicht national-deutsch sein, oder sie glauben, deutsch und jüdisch-national sein zu können. Darin unterscheiden wir uns funditus: ich will nicht n a t i o n a l - jüdisch sein, und glaube, kein sehlechterer Jude als sie zu sein. Ich will mir nicht auf meine alten Tage ein nationales Bewußtsein einreden, das ich über 50 Jahre nicht gehabt habe. Meine Eltern und Großeltern sind ihr ganzes Leben, und ich den größten Teil meines Lebens gar nicht auf den Gedanken gekommen, daß ich ein. Fremder in Deutschland sein könnte, und auch als der Zionismus schon erwacht war, ist es mir Jahr und Tag unfaßbar gewesen, wie es °) In der Unkenntnis der hebräischen Sprache sehe ich nicht eine „nationale Entehrung" (Klatzkin, „Der Jude" 1910, Seite 828), sondern ein Moment der Entnationalisierung.