Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 21 (10.8.1917)
- Article
- Ägypten
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 624 (sequence 3)
- Language
- German
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624 Die Gestalt Mosis erfüllt meine Seele. Langsam und träge ächzt mein Wagen hin und ich sitze und sinne. Wer weiß: vielleicht stand an diesem Ort, durch den die Räder sich jetzt einen Weg bahnen, einst der größte Mann der Geschichte. Vielleicht lag hiei; Moses in brennender Sonnenhitze und träumte zum ersten Male seinen großen Traum: Ein Werk zu schaffen, daß tausende Generationen dauern und dem Wechsel der Zeiten trotzen würde« Und er stand auf und schuf ein Volk.--- Der große Wissende wußte schon damals: wenn jene Pyramiden bereits dem Verfall nahe sein werden, wird das Volk, das er geschaffen, noch jung und neu und knabenhaft frisch sein. Schon damals fühlte der große Seher, daß sein Volk ein Volk der Völker, die Quintessenz aller Volksformen auf dem Erdboden sein würde....... Wo ist das alte, uralte Ägypten? Man darf nicht glauben, daß dieses Kairo, das ich heute kreuz und quer durchstreift habe, noch einen Zusammenhang mit jenem Mizraim hätte. . Man darf nicht annehmen, daß die Araber und Araberinnen, die ich heute gesehen, eine geschichtliche Berührung mit den alten Mizriim hätten, die einst das Land bewohnten. Ebensowenig, daß der Kadi, den ich heute in seinem ganzen Prunke gesehen habe, ein Nachkomme wäre von jenen Pharaonen, die hier einst geherrscht. Jene „Mizriim"! es gibt kein Volk auf der Erde, das mit seinem ganzen Wesen die Ewigkeit so ersehnt hätte und daß in diesem Maße verstanden hätte, für seine Unsterblichkeit zu sorgen. Die Ägypter haben die Kunst des Einbalsamierens erfunden, damit ihre Toten bis zum letzten Geschlecht erhalten bleiben! Sie haben Pyramiden errichtet, die Tausende von Jahren überdauern, und Obelisken, die die Erinnerung an sie verewigen, Sphynxe, die jedem Wechsel der Zeiten trotzen sollten. Allein, was haben sie erreicht? Im ägyptischen Museum in Kairo liegt in einem Sarge eine Mumie, bezeichnet mit der Nummer 5233, das ist der zweite Ramses, oder Sesostris, jener Pharao, der die kleinen jüdischen Kinder in den Nil geworfen und ihre Eltern den härtesten Qualen ausgesetzt hat, wie schon seine Vorfahren. Von seinem stolzen alten Volke aber ist heute nicht ein Stäubchen geblieben. Auf seinem Boden wandert ein erlöschendes Volk, Araber und Araberinnen, und auf seinem Throne sitzt ein fremder Kadi. Das ist die Unsterblichkeit, die er und seine Untertanen erreicht haben! Noch aber lebt und besteht das kleine Volk, das Moses geschaffen, lebt, erfüllt die Erde, versetzt eine Welt in Erstaunen und weckt In der ganzen Menschheit Haß und Liebe. Ist jenes tiefe Rätsel, das die Forscher, Weisen und Seher aller Geschlechter vergebens zu lösen versuchten. Haßt es, liebt es, verabscheut es, habt Mitleid mit ihm, es bleibt doch das größte Wunder der Welt- Verfahrt mit ihm, wie es euch eure Lust eingibt, es bleibt doch das Wesen, das Ost und West und Süd und Nord vom frühen Morgen bis spät abends beschäftigt. Darf ich darob nicht stolz sein, darf ich nicht, sobald es mir sehr wehe ums Herz wird und ich die ganze Tragödie meines Volkes überschaue, zugleich von Stolz erfüllt sein, daß ich ein Teil des größten Wunders des Erdbodens bin? Was bedeuten die sieben toten Weltwunder im Vergleich mit diesem lebenden und wandelnden!