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Neue jüdische Monatshefte · 1917-08-10 · Heft 21 (10.8.1917) · p. Seite 623

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 21 (10.8.1917)
Article
Ägypten
Date
1917-08-10
Page
Seite 623 (sequence 2)
Language
German
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623 Kairo mit seinen Ruinen und Trümmern. Ein Schritt nur trennt die Kultur von der Wüste. Einen Augenblick habe ich das Bewußtsein, mich im Herzen Europas zu befinden, im nächsten — in einer verlassenen Wüste, einer afrikanischen Steppe. Wie sonderbar! trotz meiner Anstrengungen will es mir nicht gelingen, mir das biblische Ägypten mit «einen tausend Bildern, Gestalten und Wundern in dio Seele zu rufen. Als ich in den Straßen Paliistinas wandelte, zwischen seinen Feldern und Uuinen einherging, begleitete mich unablässig der Oedanke, daß mein Fuß historische Erde betrete. Aus jedem Winkel, von jedem Baum herab und von jedem Felsen stürzte auf mich irgendeine Erinnerung. Hier ging Jesajas einher, dort stand einmal König David und an diesem Orte schritt Salomo vorbei. Anders in Ägypten! Kairo macht nicht den Eindruck, als ob es dio Fortsetzung jenes Ägypten wäre, mit dem du die Winternächte deiner Kindheit im Chcdcr zugebracht hast. In der Flut des elektrischen Lichtes des neuen Kairo zerrinnen alle Träume deiner Jugend. Du magst eine Weile an jenen Pharao denken, der deinen Josef zum Vizekönig1 gemacht hat, und wenn du ans Ufer des Nil kommst, erinnerst du dich vielleicht, daß zu jenen Zeiten dio Knechte des tyrannischen Königs jeden Tag jüdische Kinder ertränkten, wie man kleine Katzen ersäuft. Du kommst ins große Tal und willst deiner Phantasie einreden, daß hier gewiß die Stelle ist, wo man deine Eltern Sklavendiensto in Lehm und Ziegel hat verrichten lassen. Doch diese Schatten von Erinnerungen verwehen angesichts des rauschenden und schäumenden Lebens, das dich umgibt. Die großen Warenhäuser im Stil ihrer Schwestcrinstitute in Paris und Berlin, mit den großen Spiegeln, mit den reizenden ' Schaufenstern und den vergoldeten Schildern scheuchen die Bilder der Vorzeit aus deiner Seele. Auch die sonderbaren Trachten, die jetzt getragen werden, sah ich zum ersten Male an Kairos Frauen. Und solcher Anblick ist nicht geeignet, unseren Geist zu heiligem Versenken zu führen. Ebensowenig läßt die „ägyptische Schande", die dich von jedem Fenster, jedem Haustor, jedem Winkel her anlugt, die reinen Träume auferstehen. Ich gehe über die große Brücke. Die letzten Straßen der Stadt verschwinden, auch die letzten Häuser; hinter dir große, schwere Stille und eine lodernde Hitze. Noch einige Minuten und schon breitet sich vor denen Augen die große Sandwüsto aus, und du kommst an den Ort, wo Pyramiden und Sphinx lagern. Das ist das Gefilde Moph. Der Wagen, den ich inzwischen bestiegen habe, bahnt sich mühselig den Weg durch den Sand, in den er bis über die Reifen versinkt. Je mehr die Stille zunimmt und die Einsamkeit wächst, wachsen meine Träume. Und was ich den ganzen Tag vergebens gesucht, finde ich mit einem Male. Ich vergesse meine Umgebung, vergesso auch Ägypten und denke nur an Mizrajim. Diese Gedanken mag wohl der Anblick des Sandes hervorgerufen haben. Denn es kam mir der biblische Satz in den Sinn: „Und er versteckte ihn in Sandu.

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