Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 21 (10.8.1917)
- Article
- Ägypten
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 625 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908711-2910048--1005-2910087- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
625 Ein Volk, das man so gequält hat, wie noch keines je gequält worden ist, das man in Stücke gerissen und das dennoch lebt. Ein Volk, das keinen Boden und keinen Besitz und keinen Anteil an der Menschenfamilie hat, und dennoch lebt und besteht. Wo ist die Quelle seiner wunderbaren Kraft? Die Ägypter gaben ihren Toten ewigen Bestand, indem sie sie einbalsamierten. Moses aber fand einen Balsam, der ein lebendes Volk mit einer Lebenskraft füllte, die bis ans Ende der Tage nicht zur Neige gehen wird. (Nach dem" Hebiäischen von A. R o b i n s o h n). Soziologische Tagebuchblätter Von Franz Oppenheimer 10. ^Y^ankwagen im Angriff auf Gaza, Fliegerbomben auf Jerusalem! m|jv|| Die idiographischen Historiker sagen: „das ist noch nicht clagewesen". Und sie haben recht. Aber die Ben Akibas der Histiriologie, die „Nomotlictiker", sagen: „alles ist schon dagewesen" — und sie haben auch recht, haben sogar „im oberen Stockwerke recht", um mit Friedrich Vischers „Auch Einem" zu reden. Denn auch die Pharaonen griffen bei Gaza mit Streitwagen an, wenn sie auch nicht \on Benzinmotoren, sondern von Pferden oder gar von zahmen Löwen gezogen wurden, und wenn sie auch nicht mit Maschinengewehren, sondern bescheiden mit Sensenklingen Tod verbreiteten. Und auch die Kreuzfahrer versuchten, die heilige Stadt in Brand zu setzen, auch von beweglichen Maschinen aus, nur nicht von Flugzeugen, sondern von Belagerungstürmen durch Katapulte; und sie warfen nicht hochexplosive Brandbomben, sondern bescheidener Pechkränze. So scheint fast nur die Technik vorgeschritten zu sein seit vier- oder fünftausend Jahren. Aber der Mensch scheint noch immer der gleiche zu sein. Er hat mir sein historisches Geschäft, das Töten, viel besser gelernt: auch hier haben wir jetzt den Großbetrieb an Stelle des alten Kleinhandwerks, und die Ausbeute ist dementsprechend. „Eintönig und voller Wiederholung ist die Weltgeschichte", sagt Friedrich Ratzel, der Schöpfer der Anthropogeographie. Weil der Mensch immer der gleiche ist, ist auch seine Politik immer die gleiche. Was Palästinas Schicksal war zu allen Zeiten des Altertums und Mittelalters, daß es die einzige Landbrücke ist zwischen Europa, Asien und Afrika, der schmale Aufmarsch- und Etappenraum zwischen WTüsto und Meer; daß es die Umschlages teile ist zwischen Mittelmeer-Handel und Orient-Handel — das bestimmt auch heute noch sein Schicksal als Schlachfeld und politisches Ziel der Großmächte. Nur daß die „Großmächte" damals Völker von nach unseren Großbetriebsbegriffcn kleinen Ausmaßen und geringer Menschenzahl und Macht waren: Ägypten, das heute, nach den Dammbauten, kaum 20 000 Quadratkilometer Fruchtland hat (das europäische Rußland allein hat rund fünfeinhalb Millionen),