Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 21 (10.8.1917)
- Article
- Grundsätzliches zur deutschen Judenfrage
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 620 (sequence 8)
- Language
- German
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620 so lösen sich die politisch relevanten Beziehungen aus dem Knoten, und die verschwommene politische Judenfrage gewinnt erst festen Umrill. Die gewonnene Erkenntnis bedarf aber einer Vervollständigung. Mit jener allgemeinen Losung ist das Verhältnis des Staates zu seinen jüdischen Angehörigen nicht erschöpfend bezeichnet. Die Erkenntnis, daß die jüdische Leistung, nicht die jüdische Art, die Stellung den .Juden im Staate zu bestimmen hat, rechtfertigt nicht den Schluß, daß die jüdische Art politisch überhaupt irrelevant, für den Staat gleichgültig ist. „Gleichheit der jüdischen Leistung" — das bedeutet Gleichheit des staatlichen Wertes der Leistung, bedeutet forner Gleichheit im Leistenkönnen und Leisten-dürf en, bedeutet aber nicht: Gleichheit im I n h a 11 der Leistung. Dadurch, daß die Art den Inhalt der Leistung bestimmt, gewinnt auch die jüdische Sonderart politische Bedeutung. Aus der Sonderart entspringt die Sonderleistung. Die Wahrhaftigkeit verlangt Feststellung des jüdischen Wirkens. Dies wird aber zugleich die Feststellung des jüdischen Sonderwirkens sein, wie schon die Hinweise auf jüdische Leistung im vorigen Abschnitt gezeigt haben. Es gilt hier nur, einige jener Linien schärfer nachzuzeichnen, Auch hier soll natürlich nur gezeigt werden, worauf es ankommt; eine erschöpfende Darstellung erforderte ein eigenes Buch. Ich nenne nur beispielsweise des Juden Begabung für die kapitalistischen Formen der Wirtschaftsbetätigung, seine organisatorische Fähigkeit, Kombinationsgabe, Scharfsinn, Energie, Zielstrebigkeit, seine medizinische Begabung, seine Fähigkeit, sich in fremden Geist einzufühlen, die gültigen Formen und den treffenden Ausdruck für geistige Strömungen zu finden, sein stark entwickeltes soziales Empfinden, seine politische Leidenschaftlichkeit. Man kennt dies alles, aber es gilt, diesen Dingen den richtigen Platz in der judenpolitischen Diskussion anzuweisen. Man kennt die Figuren des jüdischen Finanziers, Gründers, Erfinders, Entdeckers, Arztes, Juristen, Schauspielers, Theaterleiters, Zeitungsmannes, Politikers — ohne daß doch jemals wissenschaftlich befriedigend der jüdische quantitative und qualitative Anteil an den entsprechenden Gebieten deutscher Betätigung festgestellt worden wäre. Gerade diese Feststellung aber brauchen wir, die Feststellung des Spezifischen in der jüdischen Leistung, des Anteils der jüdischen Komponente an der deutschen Gesamtleistung. Worauf es ankommt, wird vielleicht am klarsten an dem bekannten österreichischen Beispiel, auf das erst kürzlich Naumann („Mittoleuropa" S. 114) hingewiesen hat; Naumann freilich hat anscheinend das wertvolle judenpolitische Material darin nicht gesehen, und vor allem den Analogieschluß auf die deutsche Judenfrage daraus zu ziehen, versäumt: Trotz alles Protestes der Antisemiten sind auch die Juden ein unentbehrlicher Bestandteil des Wirtschaftsvolkes der Doppclmonarchie. Ihnen ist zwar meist der militärisch-organisatorische Kern des deutschen Wirtschaftscharakters fremd, aber sie sind die ge-