Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 21 (10.8.1917)
- Article
- Grundsätzliches zur deutschen Judenfrage
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 619 (sequence 7)
- Language
- German
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619 Es muß aber sogar bestritten werden, daß das Bewußtsein des großen Volkes sich gegen die Zulassung von tüchtigen Juden zu Hochschulordinariaten, diplomatischen Posten, zum Offiziersrang usw. sträubt, ganz abgesehen von der Erziehbarkeit. Es hat den Anschein (die Sache verdient nähere Untersuchung), als sei der Antisemitismus der sozial Höherstehenden und der von dem jüdischen Mitbowerb betroffenen Kreise weitaus stärker. Beliebt ist bekanntlich der Einwand, der jüdische Offizier paßt nicht vor die Front, es fehlt ihm die Autorität bei der christlichen Mannschaft, die „achtunggebietende Persönlichkeit". Merkwürdig ist ja schon, daß der jüdische Leutnant eine Autorität nicht besitzen soll, die der jüdische Vizefeldwebel und Offizierstellvertreter in gleicher Funktion besitzt. Aber der Krieg hat die Sage von der Untauglichkeit des Juden zum Leutnant auch praktisch tausendfach widerlegt. Eine Beleidigung für das deutsche Heer wäre die Behauptung, seine heldenhaft bewährte Manneszucht versage, wenn die Nase eines Offiziers eine jüdische Form hat. So entpuppt sich auch dieser Einwand des entgegenstehenden Volksbewußtseins als eine der Unwahrhaftigkeiten, an denen das gesamte Gebiet der Judenfrage so reich ist; man schiebt ein allgemeines Interesse als Deckmantel vor; dahinter verbirgt sich engherziger Kastengeist einiger weniger. Die Forderung ist: Bekämpning der Unt ü c h t ■ i g e n , d. h. der der Gesamtheit schädlichen Elemente. Wenn sie Juden sind, bekämpfe man sie, nicht weil sie Juden sind, sondern weil sie schädlich sind. Aber das Problem der schädlichen jüdischen Elemente hat doch eine spezifische Note. Wir denken hier nicht an die k ri m i n e 1 - 1 e n Schädlinge. Der Jude, der das Strafgesetz verletzt, büßt seine Verletzung wie jeder Verbrecher. Aber wir denken hier an die im sozialen Sinne untüchtigen oder schädlichen Elemente, die auch der Judengegner zu allermeist im Auge hat. Oben schon ist angedeutet: Viele jüdische Begabungen sind durch christliches und deutsches Vorurteil dem Gemeinintercsse entfremdet, auf einseitige materielle, egoistische Tätigkeit oder ganz aufs Negieren und Kritisieren verwiesen worden. „Bekämpfung'* heißt hier nicht Vernichtung oder Unschädlichmachung des schädlichen Willens, sondern seine Heranziehung und Erziehung zu nützlicher Gesinnung und Arbeit. Der sozial „untüchtige" Jude ist n u r zu oft ein durch d i e S c h u 1 d d e r G e s e 11 s c h a f t nicht auf seinen Platz gestellter Tttchti g e r. Also auch hier heißt die Forderung: Erziehung der Juden und — der anderen! V. Politik und jüdische Sonderart Das Dasein des Einzelnen im heutigen Staat ist durch seine Leistung f ü r den Staat legitimiert. Gleiche Leistung, gleiche Rechte. Tritt man mit dieser allgemeinen Losung an den verschlungenen Knoten der deutsch-jüdischen Beziehungen, den man Judenfrage nennt, heran,