Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 21 (10.8.1917)
- Article
- Grundsätzliches zur deutschen Judenfrage
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 617 (sequence 5)
- Language
- German
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617 deutschen Vaterlande entfremdet und Führer im ausländischen Wirtschafte-, Staats- und Geistesleben geworden. In diesem Kriege hat Deutschland gerade diese Form der staatswidrigen Betätigung Zurückgestoßener arg schmerzlich verspürt. Kein geringer Teil der finanziellen, industriellen, publizistischen und politischen Kräfte unserer Feind« stammt von ausgewanderten, aus Deutschland hinausgedrängten deutschen Juden. Diese geistigen und materiellen Potenzen sind ein doppelter Vcrlustposten! Wir haben sie verloren; unsere Feinde sie gewonnen. Es gibt Deutsche, die diesen „Verrat" ehemals deutscher Juden bzw. der Abkömmlinge deutscher Juden den deutschen Juden zum Vorwurf machen; entsprechend gibt es deutsche Juden, die sich dieser Abtrünnigen schämen und mindestens am liebsten mit Schweigen über diese peinlichen Fälle hinweggingen. Mich dünkt, wenn schon von Vorwurf und Schämen hier gesprochen werden darf, so sind es die Deutschen, die ob dieses Verrats Vorwürfe verdienen und sich zu schämen hätten, nicht die Juden. Wer ist Verräter? Wer das Vaterland schädigt. Das Vaterland aber schädigt jeder, der einen begabten Bürger hinausstößt. Diese Fälle verschweigen zu wollen, ist unwahrhaftig und unpolitisch. Nicht verschweigen, sondern ausführlich mit wissenschaftlicher Genauigkeit feststellen und veröffentlichen sollte man diese deutschen Verlustposten, man sollte sie als eine Art „negativer deutscher Geschichte41 dem gesamten Volke ins Bewußtsein hämmern, damit jeder Stoff habe nachzudenken, wie so manches nicht ist, was sein könnte und sollte, und manches anders, als es sein könnte - und sollte. Erziehung zur Wahrhaftigkeit ist die große Forderung. Der Erziehung zur Wahrhaftigkeit bedürfen alle, die an der deutschen Judenpolitik beteiligt sind, die Regierungen, Beamten, das Volk und die Juden selbst Die Kenntnis der „negativen deutschon Geschichte" ist ein Hauptmittel dieser Erziehungsaufgabe. Alle Beteiligten sollen endlich in erschöpfender und objektiver Richtigkeit wissen, was die Juden in Deutschland geleistet haben und leisten, in Gutem und Schlechtem. Die Irreführung der öffentlichen Meinung durch die Presse, die je nach der vorgefaßten Meinung über die Judenfrage jüdische Tatsachen zurecht biegt, verschweigt oder verzerrt, muß ein Ende haben. Wenn der Wucherer ein Jude ist, so sei er auch Jude genannt, aber auch der Erfinder, der Wohltäter, der Organisator, der Jude ist, sei Jude genannt. Dabei ist den Juden selbstverständlich zu belasten bzw. gutzuschreiben auch jede Leistung getaufter Juden oder von Abkömmlingen solcher; denn auch deren Existenz hat die — angefochtene — Existenz der Juden zur ^Voraussetzung, ist also Beweismaterial in der Diskussion um Wert und Unwert der Juden und des Judentums. Man sage nicht, daß bei guten oder schlechten Taten die Konfession des Täters gleichgültig ist. (Dies ist sie nur, was individuellen Lohn und Strafe anlangt.) Ist die Stellung der Juden in Staat und Volk nun einmal unbestimmt und „fraglich" — wenn auch nicht offiziell, so doch im Bewußtsein weiter Volkskreise und in der tatsächlichen Behandlung —, so muß dem politi-