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Neue jüdische Monatshefte · 1917-08-10 · Heft 21 (10.8.1917) · p. Seite 616

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 21 (10.8.1917)
Article
Grundsätzliches zur deutschen Judenfrage
Date
1917-08-10
Page
Seite 616 (sequence 4)
Language
German
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616 fanden. Und alle Juden haben für die Öffentlichkeit fast immer nur gegen deren eigenen Widerstand wirken können; immer war es unbeugsamer Wille, überragender Verstand oder ungewöhnliches Vermögen, die den einzelnen Juden zu öffentlicher Wirksamkeit aufsteigen ließen. Welche Summe an politischer und wissenschaftlicher Begabung, welche Masse von Fähigkeit, für das Wohl der Gesamtheit zu wirken, ist in deutschen Juden erstickt worden, wieviel Schaffensinbrunst ist gezwungen worden, sich egoistischer Beschäftigung zu widmen. Dann aber wagt man es, den Juden den Vorwurf ungezügelten Eigennutzes und übertriebenen Erwerbsinnes zu machen. Ihm eignet mm einmal eine Intensität der Leistung; und er kann sich ihrer nicht entäußern, wenn die Leistung statt der Gesamtheit dem eigenen Interesse gilt. Man wirft ihm vor, er ermangele des deutschen Gefühls der Pflicht, und nimmt für den Deutschen in Anspruch die Fähigkeit „eine Sache um ihrer selbst willen zu tun." Wer dies tut, der weiß nicht, daß den Juden seit Jahrtausenden kein Gedanke vertrauter ist als der der „Mizwoh", der selbstlosen Hingabe an eine Verrichtung um der Verrichtung willen. Das jüdische Volk allein von allen Völkern kennt das „Lernen", die jedem Juden pflichtmäßig obliegende Beschäftigung mit der religiösen Lehre als Selbstzweck. Der Jude weiß, was es heißt, Pflichten zu erfüllen ohne Vorteil; nur haben die anderen es ihm oft verdammt schwer gemacht für sie selbstlos, tätig zu sein. Was sagen die Neunmalweisen? Es ist kein Unglück, wenn nicht jedes Talent jüdischer Rasse den ihm genehmen Posten im Staate lindet? Das klingt so politisch klug, so überlegen, so ehrlich, aber wie ist es doch unpolitisch, individualistisch, subaltern, unwahrhaftig gedacht. Jawohl, es ist ein Unglück; ich denke dabei freilich nicht an das individuelle Unglück des einzelnen jüdischen Menschen, der sich durch Vorurteil eine Tätigkeit versperrt sieht, in deren Versehung er die höchst« Befriedigimg seines Daseins gefunden hätte. Aber ich denke an den Schaden der Allgemeinheit. Sind wir denn gar so reich an großen Talenten, ist denn wirklich jedes Amt bei uns mit dem fähigsten Mann besetzt? Eine individuelle Tragödie ist hier gar oft zugleich soziales und nationales Unheil. In Wirklichkeit aber bewirkt der Ausschluß jüdischer Talente einen Schaden, der weit über den einer mangelhaften Versehung des einzelnen Amtes hinausreicht. Wie manches jüdische Talent ist schon infolge der vom deutschen Vaterlande erfahrenen Zurückstoßung eine Kraft im Dienste staatsfeindlicher Mächte geworden! Die am Juden beobachtete Lust am Verneinen des Bestehenden, die oft hemmungslose Kritik an den herrschenden Zuständen, der „Zersetzungstrieb" ist der negative Ausdruck einer innigen Anteilnahme an den politischen und sozialen Dingen, ein pervertierter Schaffensdrang, der auf das rein Gedankliche verwiesen wird, wo er hemmungslos schaltet, anstatt daß ihm gestattet würde, unmittelbar an den Dingen selbst mitzuarbeiten, wobei auch der stärkste Reformeifer am Widerstände der Realität seine natürliche Schranke findet. Wie viele deutsche Juden sind ausgewandert, dem

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