Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 21 (10.8.1917)
- Article
- Grundsätzliches zur deutschen Judenfrage
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 615 (sequence 3)
- Language
- German
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615 ist insoweit nur ein Sonderfall dieses allgemeinen Problems, dessen Lösimg gekennzeichnet ist durch den Doppelsatz: Platz für jeden Tüchtigen — Nur der T ü c h t i g s t e auf jeden Platz. Es ist nötig, hier beizeiten einem naheliegenden Mißverständnis vorzubeugen. Es scheint, als liefen diese grundsätzlichen Darlegungen zur Judenpolitik hinaus auf die alte, ach so alte Forderung: die auf Zulassung der Juden zu den öffentlichen Ämtern. Zugegeben, auch wir müssen diese alte Forderung erheben, aber worauf es ankommt, ist der Geist, in dem sie erhoben wird, ihre endgültige Fundamentierung auf fester ethischer Basis. Es ist nun jahrzehntelang genug plädiert worden für das Recht der Juden auf die öffentlichen Ämter; heute aber handelt es sich um das Recht der öffentlichen Ämter auf die tüchtigen Juden wie auf jeden Tüchtigen. Es ist freilich nicht das höchste Glück des Menschen, Offizier oder Beamter zu sein und es ist auch kein jüdisches Nationalunglück, weil bisher kein Jude als Diplomat die deutschen Interessen im Auslande hat vertreten dürfen. (Mit diesen Einwendungen wird nur die Gerechtigkeit jener im alten Geist gestellten Forderung erschüttert.) Aber es kann ein Unglück von unabsehbarer Tragweite für das deutsche Vaterland sein, daß ein militärisch begabter Mann nicht General, ein diplomatisch begabter Mann nicht Botschafter werden kann, nur weil er Jude ist. Nicht so sehr um die Verwirklichung der gesetzlichen Gleichberechtigung der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens handelt es sich, als um die gedankliche Neuorienterung, die Erziehung der Geister zu wahrhafter Staatsgesinnung. U m des Staates w i 11 c n darf der Jude nich t ausgeschlossen werden, an den kommenden schweren Aufgaben mitzuarbeiten. Der Jude hat Erfindungsgabe; er hat den Ehrgeiz, auch das Altbekannte selbständig und von Grund auf neu zu fassen; das Bedürfnis klar zu ordnen und zu organisieren; Energie und Schaffensdrang. Wichtiger aber als diese allgemeinen, die Form und die Intensität des Schaffens betreffenden Talente sind die dessen Inhalt betreffenden: Dem Juden ist angeboren Begeisterung für Gerechtigkeit, Inbrunst für das Wohl der Gesamtheit, soziales und politisches Interesse; er hat den Drang, sein Menschlichstes an sein Werk zu geben, er arbeitet nicht nach Schablone, zufrieden, durch Vorschriften gedeckt zu sein, sondern nach der Idee des Amtes, wie sie sich vor seinem eigenen Gewissen darstellt. Zu innerlichster Genugtuung gereicht ihm die Verwirklichung oines Schaffensgedankens, im praktischen, aber auch im theoretischen. Der Jude, der Angehörige des „Volkes des Buches" erlebt zu tiefst die „fröhliche Wissenschaft'4, die Lust am Forschen, am Sieg des Gedankens über die form- und bewußtlose Materie. Wie hat sich der Jude bewährt als Führer des Volkes zu neuen Ideen, als Gründer und Leiter politischer Parteien. WTie hat er mitgeschaffen an der öffentlichen Wohlfahrtspflege in so manchem deutschen Gemeinwesen, frei tätig ohne Amt; als Geldspender, Verwalter und Organisator hat er so häufig der öffentlichen Fürsorge, der Kunst- und Wissenschafts pflege neue Bahnen ge-