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Neue jüdische Monatshefte · 1917-08-10 · Heft 21 (10.8.1917) · p. Seite 612

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 21 (10.8.1917)
Article
Zur polnischen Judenfrage
Date
1917-08-10
Page
Seite 612 (sequence 7)
Language
German
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612 Ungnade der Polen ausliefern. Normalerweisepflegt die Regelung irgendwelcher Beziehungen zwischen zwei Einzelindividuen oder zwei Volksindividuaiitäten so zu erfolgen, daß eine jede die grundlegenden, prinzipiellen Forderungen der anderen anerkennt und sich soeinVerhU11nis gegenseitiger Respektierung herausbildet Warum soll diese Wahrheit, die der Autor des Aufsatzes sonst wohl nicht bestreiten wird, für die polnisch-jüdische Frage keine Berechtigung haben?, warum gesteht er hier den Polen das Recht zu, ihren Antisemitismus „zur Siedehitze zu treiben", wenn die berechtigten Ansprüche der Juden auf Erhaltung ihrer Sonderart und Kultur anerkannt und erfüllt werden. In Wahrheit ist es für jeden, der objektiv und vorurteilslos die heutige Situation in Polen prüft, ohne weiteres klar, daß die Wurzel all der unnatürlichen, für beide Teile verderblichen Feindschaft zwischen Polen und Juden gerade in der absoluten Machtlosigkeit der jüdischen Bevölkerung gegenüber den Polen zu suchen ist. Nur weil die Polen wissen, daß sie die Möglichkeit haben, die jüdische Minorität nach ihrer Willkür zu behandeln, weil keiner da ist, der sie schützt, hat die Mehrheit von ihnen ihren Antisemitismus zu dieser heutigen „Siedehitze getrieben" und erlauben sie sich dauernd jene Vergewaltigungen gegenüber den Juden, von denen die Chronik des polnisch-jüdischen Lebens tagtäglich zu erzählen weiß. Wäre die rechtliche und politische Machtposition der Juden hingegen gesichert und klargestellt, wüßten die Polen, daß die Juden einen Faktor darstellen, mit dem sie rechnen müssen, dann wäre erst eine klare Situation geschaffen; dann wäre die polnische Politik zur Anerkennung der berechtigten jüdischen Ansprüche bereit; dann wäre die Beziehung zwischen Polen und Juden erst normalisiert. Und daß von einer höheren Warte als derjenigen der chauvinistischen Leidenschaften gesehen, eine solche Regelung der polnisch-jüdischen Beziehungen auch nur im wahren Interesse der Polen selbst gelegen ist, da ohne eine Gesundung derselben die innere Ruhe Polens immer gefährdet bleiben wird, weil die Juden naturgemäß gegen die Vergewaltigung ihrer Rechte sich zur Wehr setzen müssen, braucht für jeden, der fähig ist, Politik zu machen und zu verstehen, kaum erst auseinandergesetzt zu werden. Und gerade auch von diesem Gesichtspunkt aus ergibt sich wiederum, welches Interesse Deutschland, dem alles an der inneren Gesundung des polnischen Landes gelegen sein muß, an einer solchen vernünftigen Politik in der polnisch-jüdischen Frage besitzt. So zeigt sich, daß alle drei Gesichtspunkte, von denen der Aufsatz in der „Europäischen Staats- und Wirtschaftszeitung" die nationalen jüdischen Forderungen in der polnisch-jüdischen Frage widerlegen will, in Wirklichkeit deren Berechtigung erweisen. Die überwältigende Majorität der polnischen Judonheit vertritt diese Forderungen, wenn auch nicht in der politischen Formulierung, mit der sie hier geäußert werden, so doch durchaus in der Sache selbst (autonome jüdische Schule, Bewahrung der jüdischen Sprache und Kultur, Pflege der eigenen Tradition, innerjüdische Selbstverwaltung). Zu den Richtlinien der pol-

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