Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 21 (10.8.1917)
- Article
- Zur polnischen Judenfrage
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 611 (sequence 6)
- Language
- German
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611 Weitaus beachtsamer ist das andere Argument des Aufsatzes, daß eine Erfüllung der national-jüdischen Bestrebungen sich nicht in den Rahmen der allgemeinen deutschen Polenpolitik einordne. Wir wollen diese Politik hier nicht zum Gegenstand einer eingehenden kritischen Erörterung machen, wozu vielleicht in nicht ferner Zeit der richtige Moment bereits kommen wird. Wir wissen sehr wohl, daß allerdings der national-jüdische Standpunkt in der polnisch-jüdischen Frage sich nicht in den Rahmen der polnischen Politik einfügt, wie sie heute von gewissen Instanzen in Polen betrieben wird. Natürlich spricht dies aber in gar keiner Weise gegen die Berechtigung und die innere Richtigkeit des nationalen jüdischen Standpunktes. Außerdem aber: zu den großen Grundlinien der deutschen Polenpolitik, wie sie durch die Proklamation vom 5. November 1916 festgelegt wurden, stehen die national-jüdischen Forderungen in keinerlei innerlich begründetem Gegensatz. Denn diese Grundlinien laufen lediglich auf die Lösung der polnischen Frage durch Schaffung eines selbständigen, den Mittelmächten verbündeten polnischen Königreiches hinaus; bedeutet dies aber, daß dieses polnische Königreich unter Nichtberücksichtigung aller gegebenen Verhältnisse ein rein polnischer Nationalstaat werden muß und nicht die Möglichkeit besteht, den verschiedenartigen Minoritäten, die in Polen leben und von denen die Juden die stärkste darstellen, das Recht der freien Entwickelung und Selbstbestimmung zu gewähren? Es ist noch von keiner Seite gezeigt worden, welches Interesse Deutschland an einer solchen Art der Ausgestaltung des polnischen Staatswesens hätte, die zur brutalen Vergewaltigung der nationalen Minoritäten, führen muß; hingegen ist schon oft dargelegt worden, und wie uns scheint, mit unwiderleglichen Argumenten, daß alle wahren Interessen Deutschlands darauf hinweisen, den Minoritäten in Polen ihr Recht widerfahren zu lassen. Eine Politik zu betreiben, die die Minoritäten des Landes als gleichberechtigt, anerkennt, heißt aber noch lange nicht, wie es der Autor des Aufsatzes zu verstehen scheint, mit diesen nationalen Minoritäten Politik gegen die Polen zu machen. Er erklärt mit Recht: „man kann mit einer .Minderheit von 15 % keine Politik gegen die Landesmehrlieit von SO % machen". Aber seit wann bedeutet die Forderung nationaler •Minoritätsrechte, daß man die Minoritäten gegen die Majorität ausspielen sollte? In diesem vollständigen Unverständnis gegenüber dem wirklichen Sinne des nationalen M i n o r i t ä t s - p r i n z i p s scheint uns der Grundfehler in den politischen Argumentationen des Aufsatzes zu ruhe n. Nur aus ihm ist es auch zu verstehen, daß der Aufsatz auch die immer von polnischer Seite geäußerte Behauptung aufstellt, im Interesse eines guten Verhältnisses der Polen und Juden selbst müßten die nationaljüdischen Forderungen unerfüllt bleiben, da durch ihre Erfüllung sicherlich „der polnische Antisemitismus zur Siedehitze getrieben werden würde". Es liegt eine seltsame Logik in dieser Behauptung, die von der Überzeugung ausgeht, daß eine Gesundung der Beziehungen zwisehen Polen und Juden nur möglich wäre, wenn die Juden auf ihre elementarsten Rechte Verzicht leisten und sich ganz und gar der Gnade und