Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 21 (10.8.1917)
- Article
- Zur polnischen Judenfrage
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 610 (sequence 5)
- Language
- German
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610 Kulturform sich angeeignet hat, und dabei nicht, wie die Assimilanten dem Judentum ganz den Rücken gewandt hat, national im europäischen Sinne dieses Wortes ist. Der Verfasser gibt das selbst zu, indem er schreibt: „Die Jugend der Orthodoxie, die mehr als die Väter die Notwendigkeit europäischer Bildung und europäischer Kultur erkennen, gehen vielfach in das Lager der Nationalisten und Zionisten." Das besagt doch nichts anderes, als daß eben bei dieser Jugend der auch schon vorher vorhandene jüdische Nationalwille nur die europäisch-politische Ausdrucksform annimmt; und welche Unlogik steckt darin, statt in dieser Tatsache den Beweis für den auch in den Vätern lebenden Nationalwillen zu erblicken, die nationale Gesinnung der Jugend auf die Verführung durch nationalistische Phrasen zurückzuleiten und so die groteske Behauptung von der „Konstruktion eines eigenen jüdischen Nationalgefühles" zu wagen. Wahrlich, wer das polnisch-jüdische Leben beobachtet hat und dabei zu solchen Konsequenzen gelangt, war umsonst in Polen gewesen und hat den Beweis erbracht, daß er entweder die Wirklichkeit nicht sehen kann oder — schlimmer als dies — sie nicht sehen will Gehen wir nunmehr zum zweiten Gesichtspunkt über, von dem aus der Autor die national-jüdischen Forderungen der polnisch-jüdischen Frage ablehnt. Er erklärt, es sei nicht die Aufgabe der deutschen Verwaltung in Polen, national-jüdische Politik zu betreiben, vielmehr habe sie „das einzig richtige und vernünftige getan; sie behandelt die Juden als gleichberechtigte Bürger und mischt sich nicht in die inneren Streitigkeiten des polnischen Judentums11. Außerdem aber habe sich die Politik in der jüdischen Frage der gesamtpolnischen Politik der deutschen Behörden unterzuordnen, diese aber, die auf die Schaffung eines polnischen Staates hinauslaufe, mache die Erfüllung der national-jüdischen Forderungen unmöglich. Was das erste Moment betrifft, so würde die Erfüllung der national-jüdischen Bestrebungen naturgemäß keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten der polnischen Judenheit bedeuten, sondern lediglich die Respektierung der von der überwältigenden Majorität derselben geäußerten Wünsche und Fordeningen. Von dem kleinen Häuflein der Assimilanten abgesehen, die bewußt dem Judentum den Rücken gewandt und deswegen bei allen jüdischen Fragen auszuscheiden haben, will das gesamte polnische Judentum als eigene Volksindividualität angesehen und behandelt werden, mit dem Recht, ihre eigene Sprache und Kultur zu bewahren und zu pflegen. Ob orthodox oder nicht, ob Chassidim, Zionisten oder Volkisten, alle polnischen Juden wehren sich dagegen, zwangsweise polonisiert und zur Preisgabe ihrer eigenen Kultur gezwungen zu werden. Wir glauben nicht, daß, wenn die Frage so präzise gestellt wird, der Autor des Aufsatzes in der „Europäischen Staats- und Wirtschaftszeitung" diese unsere Behauptung bestreiten wird. Was soll also das Argument besagen wollen, die deutsche Verwaltung dürfe sich nicht in die inneren Parteistroitigkeiten der polnischen Juden mischen, was prinzipiell richtig ist, in diesem Falle aber gar nicht zutrifftV Gefordert wird von national-jüdischer Seite ja nur die Erfüllung der Wünsche, in denen sich alle polnischen Juden, sofern sie nur Juden sein wollen, einig sind.