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Neue jüdische Monatshefte · 1917-08-10 · Heft 21 (10.8.1917) · p. Seite 609

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 21 (10.8.1917)
Article
Zur polnischen Judenfrage
Date
1917-08-10
Page
Seite 609 (sequence 4)
Language
German
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609 Dies bestreitet nun der Aufsatz. Er erklärt, es sei falsch, anzunehmen, daß die polnischen Juden bewußt jüdisch-national seien; „der jüdischen Masse fehlt der nationale Wille und der sprachliche Wille'*. Diese Behauptung, für jeden Kenner der Verhältnisse geradezu ungeheuerlich klingend, wäre verständlich von Seiten eines Mannes, der nie polnische Juden gesehen,, nie unter ihnen gelebt hat; von Seiten des Verfassers des Aufsatzes aber, der, wie aus seinen Ausführungen hervorgeht, das polnisch-jüdische Leben aus Anschauung kennt, ist sie nur zu begreifen aus einem sehr willkürlichen Operieren mit Begriffen, das bedenklich an die Methoden der sophistischen Dialektik erinnert. Denn wie liegen die Dinge in Wahrheit? Gewiß, man kann mit scheinbarem Rechte sagen, dem jüdischen Mann fehle der „nationale Wille", sofern man unter nationalem Willen lediglich die bewußte, in politisch organisierter und disziplinierter Form zum Ausdruck kommende Äußerungsart derselben versteht, die er in Westeuropa besitzt, In diesem Sinne fehlt einem großen Teil der jüdischen Massen in Polen noch der nationale Wille, v/eil sie eben noch gar nicht die Form westeuropäischer Kultur sieh angeeignet haben. Aus diesem Fehlen einer ganz bestimmten Äußerungsform aber schließen zu wollen, dem polnischen Juden fehle der nationale Wille schlechthin, heißt, daß man entweder über die ganze spezifisch westeuropäischen Lebensformen nicht hinaussehen kann, oder aber, wie vorhin gesagt, durch willkürliche BegrifTsverweehselung sophistische Dialektik treibt. (Für das Ganze einen Teil einsetzen und aus dem Fehlen eines Teiles auf das Nichtvorhandensein des Ganzen schließen, ist bekanntlich eine der typischen Formen der sophistischen Dialektik.) Wir glauben denn auch nicht, daß der Verfasser des Aufsatzes allen nichteuropäischen Nationen, deren nationaler Wille sich nicht in der europäisch-politischen Form ausdrückt, das Nationalbewußtsein wird absprechen wollen. Daß aber alle wirklich entscheidenden Kennzeichen nationaler Gesinnung und Willensrichtung — zähes Festhalten an der eigenen Tradition und unbedingter Wille zu ihrer Fortbewahrung, eine ganz ausgeprägte physische und psychische Eigenart* und — das entscheidende — der unbedingte Wille zur eigenen Art und Kultur — bei den polnischen Juden anzutreffen sind, wird auch der Atotor nicht bestreiten können. Zwar versucht er auch dies, indem er erklärt, dem polnischen Juden fehle selbst der „sprachliche Wille4'; begründen will cr.es durch den Hinweis auf den Sprachenstreit. Weiß er aber nicht, daß dieser Streit nur eine innerjüdische Frage betrifft, das Verhältnis de» Jiddischen zum Hebräischen, aber auf keinen Fall dio Preisgabe einer dieser beiden Sprachen, in denen sich das jüdische Leben und Schaffen im Osten kristallisiert, etwa zugunsten des Polnischen erstrebt? Oder wird er behaupten wollen, die große jüdische Masse in Polen würde bei einem Plebiszit sich für das Polnische und gegen das Jiddische und Hebräische erklären? Wenn es aber noch eines Beweises für den vorhandenen, ungemein starken nationalen Willen der polnischen Juden bedarf, so wird er durch die Tatsache erbracht, daß derjenige Teil derselben, der die europäische

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