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Neue jüdische Monatshefte · 1917-08-10 · Heft 21 (10.8.1917) · p. Seite 608

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 21 (10.8.1917)
Article
Zur polnischen Judenfrage
Date
1917-08-10
Page
Seite 608 (sequence 3)
Language
German
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603 Der Aufsatz knüpft an eine Reihe von Artikeln an, die als „Warschauer Briefe" in den „Berliner Neuesten Nachrichten" erschienen sind und wie in der allgemeinen Polenfrage, so auch speziell in der polnisch-jüdischen Frage die Politik der deutschen Behörden heftig angriffen, dabei die Forderungen der national-jüdischen Richtungen sich aneignend. Wir brauchen nicht zu betonen, daß, wenn wir uns hier gegen den Aufsatz der „Europäischen Staats- und, Wirtschaftszeitung" wenden, wir damit keinesfalls das Berliner Blatt verteidigen wollen. Daß es die national-jüdischen Forderungen als richtig anerkannt hat, freut uns, wie jede Anerkennung unserer Forderungen. Daraus aber den Schluß zu ziehen, wie es der Verfasser des Aufsatzes und vorher schon der „Israelit" getan hat, daß die national-jüdischen Parteien ein Bündnis mit den Alldeutschen geschlossen haben, ist absolut falsch und ist als ungerechtfertigte Beschuldigung aufs schärfste zurückzuweisen. Wir hoffen, daß, wenn wir hier gegen den Artikel der „Europäischen Staats- und Wirtschaftszeitung" polemisieren, wir nicht auch der Interessengemeinschaft mit den Alldeutschen bezichtigt werden. Von drei Gesichtspunkten sucht der Aufsatz den antinationalen Standpunkt in der polnisch-jüdischen Frage zu verteidigen: vom innerjüdischen, durch die Behauptung, die Majorität der polnischen Juden billige gar nicht die national-jüdischen Bestrebungen; vom Gesichtspunkt der leitenden Interessen der deutschen Politik in Polen und von demjenigen des Verhältnisses zwischen Polen und Juden. Prüfen wir alle diese drei Gesichtspunkte im einzelnen. Der entscheidendste für uns ist der innerjüdische. Denn das wichtigste Argument der national-jüdischen Richtungen ist ja die Forderung, daß der Wille der großen Majorität der polnischen Judenheit respektiert werden müßte und sie nicht in ungerechtfertigter Weise den Polen geopfert und ihnen zu Liebe vergewaltigt werden dürfe. Es tut not, die entscheidende Bedeutung dieses Arguments in der Begründung der national-jüdischen Forderungen zu betonen, da der Aufsatz es versucht, die national-jüdischen Bestrebungen als in erster Reihe vom Standpunkt der deutschen Interessen ausgehend zu diskreditieren. Daß dies durchaus ungerechtfertigt ist, braucht für den, der die nationaljüdischen Richtungen kennt, wohl nicht erst gesagt zu werden. Wenn von dieser Seite zuweilen darauf hingewiesen wurde, daß die Erfüllung der national-jüdiBohen Wünsche auch vom deutsch-politischen Standpunkt das klügste wäre, so ist dies nur aus politischen Gründen zu verstehen und berechtigt keinen dazu, die national-jüdischen Politiker einer Art von Verrat an den jüdischen Interessen (den Deutschen zuliebe) zu beschuldigen. Weniger berechtigt als "jeder andere ist aber zu einer solchen Beschuldigung jemand, der Anschauungen vertritt, wie sie in dem Aufsatz der „Europäischen Staats- und Wirtschaftszeitung" niedergelegt sind, und für den dieser Vorwurf — wäre er jüdischer Politiker — allerdings zuträfe. Also; entscheidend für die Begründung der national-jüdischen Forderungen war stets der Standpunkt, daß sie dem Willen der Majorität der polnischen Juden entsprächen und deswegen als ein Gebot der Gerechtigkeit und öffentlichen Moral erscheinen.

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