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Neue jüdische Monatshefte · 1917-08-10 · Heft 21 (10.8.1917) · p. Seite 607

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 21 (10.8.1917)
Article
Zur polnischen Judenfrage
Date
1917-08-10
Page
Seite 607 (sequence 2)
Language
German
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607 5m Hamburger „Israelitischen Familienblatt" zum Abdruck. Schon diese Form der Publikation in vier Organen erscheint etwas ungewöhnlich; doppelt merkwürdig muß aber die Publikationsform erscheinen, wenn man die Verschiedenartigkeit der Zeitungen bedenkt, die ihn zu gleicher Zeit veröffentlichen. Die „Allgemeine Zeitung des Judentums" vertritt bekanntlich das liberale Judentum in radikalster Form, der „Israelit" ist das Leiborgan des extremsten Flügels der Orthodoxie, und das Hamburger „Israelitische Familienblatt" ist ein mittelpärteiiiches Blatt und steht auf dem Standpunkt der Durchschnittsanschauungen der großen Masse des deutschen Judentums. Daß diese drei Blätter von so entgegengesetzten Tendenzen denselben Aufsatz in einer Form veröffentlichen, die zeigt, daß sie im wesentlichen mit den von ihm dargelegten Anschauungen übereinstimmen, ist auffallend und läßt einen strikten Schluß auf den Kreis zu, aus dem der Aufsatz stammt. Dieser Schluß wird sehr erleichtert, wenn man weiß, daß die offizielle deutsche Politik in der Juden frage in Polen zurzeit hauptsächlich von den Vertretern der liberalen und streng-orthodoxen Richtung des deutschen Judentums geleitet resp. inspiriert wird. So bietet der Aufsatz auch inhaltlich eine merkwürdige Vereinigung assimilatorischer und orthodoxer Prinzipien. Er wünscht als künftig vorherrschende Strömungen innerhalb des polnischen Judentums „ein aufrechteres assimiliertes Judentum und eine durch die moderne Schule gekräftigte und durch ihre Organisation aktionsfähige Orthodoxie"; also auch sachlich dieselbe Vermengung orthodoxer und assimilatorischer Tendenzen. Die Erklärung dieser seltsamen Mischung findet sich in der ausgeprochenen Gegnerschaft zur national-jüdischen Richtung in Polen, die der Aufsatz vertritt. Wer nun weiß, daß Orthodoxie und Assimilation beide Vertreter der statischen, alier inneren Regeneration des Judentums feindlichen Kräfte des jüdischen Lebens der Gegenwart sind; wer weiß, daß sie beide schon seit Jahren in der Bekämpfung der jimgjüdischen nationalen Bewegung den eigentlichen Inhalt ihrer Existenz linden; wer weiß, daß in Polen das seltsame Bild eines Zusammengehens der radikalsten Assimilation und der fanatischsten chassischen Orthodoxie nichts Ungewöhnliches darstellt — der wird sich über die Seltsamkeit der Publikationsform des Aufsatzes, über die Seltsamkeit seines inhaltlichen Standpunktes nicht weiter wundern, sondern ihn gerade wegen dieser Vereinigung der beiden heterogenen Prinzipien als eine sehr charakteristische Äußerung all der Elemente betrachten, die heute gegen die national-jüdischen Fordeningen in der polnisch-jüdischen Frage kämpfen. Daß der Aufsatz daneben noch den Zweck verfolgt, die amtliche Politik der deutschen Behörden zu verteidigen, erhöht nur seine Bedeutung und sichert ihm besondere Aufmerksamkeit, Man wird es deshalb verstehen, wenn wir es für notwendig erachten, seinen Darlegungen entgegenzutreten und ihre Unrichtigkeit in den einzelnen Punkten nachzuweisen. Vorher jedoch noch eine notwendige Bemerkung.

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