Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1917-08-10 · Heft 21 (10.8.1917) · p. Seite 605

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 21 (10.8.1917)
Article
Die jüdische Wissenschaft und ihre psychologischen Aufgaben
Date
1917-08-10
Page
Seite 605 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2908689-2908690-2908711-2910045--0979-2910067
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

605 Beitrag* zu der allgemein interessierenden Frage nach der Konstanz psychischer Qualitäten geben, nach ihrer Vererbung, ihrer Variabilität durch mannigfaltige Faktoren. Das jüdische Volk, das nach einer sehr langen —ziemlich feststellbaren — Geschichte aus einer einigermaßen geschlossenen Einheit zu einer merkwürdigen Aufsplitterung in verschiedene territoriale, kulturelle und soziale Kreise gelangte und dabei doch eine bemerkliche Eigenart bewahrte, ist ein vorzügliches Studienobjekt für die allgemeine Lösung jenes Fragenkomplexes. Aber keineswegs nur für solche spezielle, wenn auch überaus wichtige psychologische Probleme bietet unsere Gegenwart und Vergangenheit ein einzigartig günstiges Material. (Nicht zu sprechen von jenen Fragen, die überhaupt nur im Zusammenhang mit dem Judentum zu studieren wären, wie etwa das überaus interessante und verzweigte Phänomen des Judenhasses und der Entstehung und Entwicklung der Jdeen Nation und Menschheit.) Der Völker- und Kulturpsychologc findet im Judentum nicht allein dieselben Probleme gestellt wie in jeder anderen Kultur, sondern die eigentümliche Geschichte dieses Volkes bietet viele methodische Vorteile, die sonst nirgends so zahlreich nebeneinanderliegen. Zunächst, die sehr lange Kulturcntwicklung und das reichhaltige ' Fließen vieler Quellern,. Damit verbunden ist die Möglichkeit, kontinuierliche Übergänge zu betrachten, die sehr verschiedene Stadien miteinander verknüpfen. Oft sind in den jeweils ziemlich abgeschlossenen jüdischen Kulturkreis plötzlicli ganz fremde Tendenzen, Ergebnisse und sogar Kulturkomplexe eingebrochen; das geschah öfter hintereinander, zu verschiedenen Zeiten, auf verschiedenen Territorien, unter mannigfaltigen äußeren und inneren Bedingungen, in wechselnder Stärke. Aus dem einheitlichen jüdischen Volksköq)er haben sich nach und nach einzelne Teile isoliert und führen seitdem, oder führten eine Zeitlang ein gewisses Sonderleben, hatten eine gewisse besondere Entwicklung. Die* alles sind Momente, die zusammenwirkend beinahe denselben methodischen Wert haben, als ihn etwa willkürliche Experimente darstellen würden. Was in keines Forschers Macht Hegt, die Bedingungen, den Verlauf, die Einwirkungen und Ausstrahlungen des Kulturprozesses zu variieren, gewisse Faktoren auszuschalten, andere wirksam einzufügen, um so die Tätigkeit aller Teilfaktoren und den Verlauf von Teilprozessen, aus denen eine komplexe Kultur besteht, gesondert zu studieren, das ist im Falle des Judentums geradezu natürlich gegeben. So ist zu erwarten, daß viel Licht fallen wird auf das psychplogiseho Erkennen der kulturellen Vorgänge überhaupt, der Religion, Ethik, Philosophie; der Lebensgestaltung und Formung der Gemeinschaft, dos Staats- und Gemeindelebens, wenn die jüdische Wissenschaft ihre psychologischen Aufgaben in Angriff nehmen wird. Entsprechend der inhaltlichen Eigenart der Problome, denen sich die jüdische Psychologie besonders widmen müßte, würden auch die Methoden, die im Vordergrund der Arbeit stehen werden, sich nicht unbeträchtlich von der psychologischen Arbeit anderer Völker unterscheiden. Weniger die Erforschung der elementaren psychischen Erscheinungen und ihr Zusammenhang mit physischen Tatbeständen ist

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.