Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 21 (10.8.1917)
- Article
- Die jüdische Wissenschaft und ihre psychologischen Aufgaben
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 603 (sequence 5)
- Language
- German
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603 bar gemacht wurden, dabei sich aber kaum „rentieren" können und darum leicht vorausgesagt werden kann, daß sie verurteilt sind, eina wenig beachtete Ergänzung der amerikanischen, englischen und deutschen Psychologie zu bilden, werden sie bei uns eingereiht sein in einen Akt der Selbstbefreiung eines Volkes, wie er vielleicht ohne Analogie in der Geschichte dasteht und fruchtbare Dienste leisten als integrierendes, unterscheidendes Element der jüdischen Psychologie. Die angedeuteten Probleme streifen vielfach die Erziehungsaufgabe, die dem jüdischen Volke gestellt ist. Keineswegs aber sind es die einzigen, nicht einmal die vornehmsten pädagogischen Aufgaben, die aus der nötigen Berufsumschichtung sich ergeben. In einem viel ernsteren und umfassenderen Sinne ist dio jüdische Frage überhaupt eine Erziehungsfrage. Auch hier ist unsere Lage eine exzeptionelle. Wenn die Jugend anderer Nationen unzureichend, schlecht oder gar nicht erzogen, wenn sie nur teilweise oder einseitig unterrichtet wird, so verbleibt sie dennoch im physischen und im kulturellen Bannkreis ihrer Nation; man darf auch hier der natürlichen Entwicklung, den unbewußt und von selbst sich ergebenden Einflüssen und Korrekturen vertrauen; durch gute Erziehung kann die Nation erhöht oder verbessert, nicht aber durch falsche in sich selbst vernichtet werden. Die in jüdischem Sinn unerzogene, oder schlecht, oder unzureichend erzogene Jugend aber tritt aus dem kulturellen und später auch aus dem physischen Kreis des jüdischen Volkes aus; sie ist ihm verloren. Und ein Volk, das keine Jugend hat, ist in viel wahrcrem Sinne keines, als wenn es Land und Wirtschaft verlor. Umgekehrt: Erziehung vermag bis zu einem gewissen Grad und auf eine bestimmte Zeit lang Land und Wirtschaft zu ersetzen; einer im tiefsten Grunde ihres Wesens jüdisch erzogenen und also einheitlich gerichteten Jugend wäre ein reales Symptom der Einheit des jüdischen Volkes, nicht wegzuleugnen, nicht wegzuschaffen. Weil aber uns die Erziehung der Jugend eine Kardinalangelegenheit ist, dürfen wir uns nicht mit jenem Tappen im Dunkeln begnügen, das man bis vor kurzem überall Erziehen genannt hat. Wir brauchen wissenschaftliche Pädagogik, und das heißt in erster Linie Kinderforschung und Jugendkunde-. Für uns ist das Existenzbedingung, wie für andere Völker Kanonen, Soldaten und Schiffe. Die Funktion der Psychologie in der Pädagogik ist zur Genüge erkannt, das Programm der psychologischen Kinder- und-Jugendforschung ist hinreichend klar formuliert worden; , ich darf es unterlassen, liier unzulänglich zu wiederholen. Es wird der jüdischen entwicklungspsychologischen Forschung keine andere Aufgabe gestellt sein als der anderer Nationen. Aber sie wird hier im Zentrum des psychologischen Studiums stehen, während sie sonst nur einen verhältnismäßig geringen Raum im Gesamtbetrieb psychologischer Forschung einnimmt. Und das wird der jüdischen Psychologie und Wissenschaft überhaupt ein eigenartiges Gepräge geben, das wird sie fruchtbar machen über den engen Kreis des Judentums hinaus. Psychotechnik und Kinderpsychologie, an jüdischen Menschen studiert, werden wesentliche Beiträge schaffen zur Kenntnis der psycho-