Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 21 (10.8.1917)
- Article
- Die jüdische Wissenschaft und ihre psychologischen Aufgaben
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 601 (sequence 3)
- Language
- German
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601 kulturelle Gesaintsituation des Volkes, die Art, die Möglichkeiten und Notwendigkeiten seines wirtschaftlichen Zustandes von den anderen unterschieden. Es gibt keine jüdische Wirtschaft — und also keine jüdische Wissenschaft. Dennoch kann es sie geben, unter einer Voraussetzung. Wer aus der Tatsache, daß es keine jüdische Wirtschaft - im weiteren Sinne — gegenwärtig gibt, folgert, daß es demnach kein jüdisches Volk gibt und fordert, daß es auch in Hinkunft weder jene noch ' dieses geben soll, für den ist jüdische Wissenschaft nur in dem Sinne möglich, in dem wir von einer Mondwissenschaft sprechen: Wissenschaft von den Juden, und nicht der Juden. Wir aber, die wir nicht so folgern, sondern die gegenwärtige Situation des Judentums als pathologische Lage eines einheitlichen Volkes ansehen, und fordern, daß es wieder die fundamentale Grundlage seines Volksseins erhalte: für uns gibt es auch heute im eigentlichen Sinne des Wortes jüdische Wissensehaft. Sie ist der eigene Name für die eigenartige Summe wissenschaftlicher Betätigungen, welche aus der kulturellen und wirtschaftlichen Situation des jüdischen Volkes ermöglicht und gefordert von jüdischen Persönlichkeiten werden. Nur daß wir in unserem Bemühen durch das Paradoxon belastet werden, daß der wirtschaftliche Zustand des jüdischen Volkes die Wirtschaftslosigkeit ist. Ein Paradoxon, dessen schwerem Druck wir uns nicht auf die bekannte Weise zu entziehen bestrebt sind, sondern durch vermehrte Anspannung aller Kräfte wirkungslos zu machen suchen. In diesem Rahmen der jüdischen Wissenschaften hat die P s y c h o - 1 o g i e einen vornehmen Platz. Sie ist eine besonders differenzierte und spezielle Wissenschaft, wenigstens in den meisten ihrer Disziplinen, denn sie setzt sehr viele allgemeine und relativ allgemeine Wissenschaft voraus, darum ist sie besonders zu nationaler „Differenzierung'1 geneigt. Sie hat in einer beträchtlichen Zahl ihrer Gebiete geradezu diese nationale Differenzierung zur Grundlage und zum Objekt. Sie erlaubt und verlangt endlich gewisse praktische Anwendungen, die je nach der Situation der die psychologische Forschung ermöglichenden Gesamtheit verschiedene sind. Und welches der Anwendungsgebiete jeweils im Vordergrund steht — das bestimmt auch die Intensität, mit der die verschiedenen Teile der allgemeinen Psychologie verschieden gefördert werden. Welches sind nun die Forderungen, die ans der gegenwärtigen Lage des Judentums an die'Psychologie gestellt werden? Welche Möglichkeiten bieten die Besonderheiten des jüdischen Volkes der Entwicklung psychologischer Forschung? ' Vielleicht das schwierigste und wichtigste Werk, das zu vollbringen der jüdischen Bewegung auferlegt ist, ist die Umschichtung der jüdischen Berufsstände: die Überführung eines angemessenen Bruchteiles des jüdischen Volkes zur Landwirtschaft und zur Urproduktion überhaupt, die Heilung der pathologischen Situation, für die der Prozentsatz der Handeltreibenden und Angehörigen „freier Berufe" ein erschreckendes Symptom ist. Eine Aufgabe, die an sich schon schwierig genug, noch unheilvoll verwirrt wird dadurch, daß mit dieser Berufs-