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Neue jüdische Monatshefte · 1917-08-10 · Heft 21 (10.8.1917) · p. Seite 600

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 21 (10.8.1917)
Article
Die jüdische Wissenschaft und ihre psychologischen Aufgaben
Date
1917-08-10
Page
Seite 600 (sequence 2)
Language
German
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600 wird, was im Vordergrund des Interesses steht, und was sich nur schwer oder gar nicht durchzusetzen vermag, ist ebenfalls von ihm bedingt. Freilich auch hier gibt es Unterschiede. Wissenschaften, die ganz auf das Allgemeine gehen, Erkenntnistheorie oder Mathematik etwa, Fragen, die aus dem Tiefsten des menschlichen Geistes aufsteigen, die nach Weltanfang, Kraft und Trieb, nach Sinn und Wesen des Lebens, der Dinge fragen, haben größere Freiheiten als solche, die auf konkrete Bedingungen und Befreiungen, nach speziellen Kräften, Tatsachen und Beziehungen gerichtet sind. Jenen ist eine weitere Autonomie gewährt. Aber sie ist ihnen bloß gewährt, und zwar von der Gesellschaft, von dem Volke, in dem sie leben, weil ihr Gegenstand allgemein interessiert und darum übernatürlich erscheint. Die aber, denen dieser psychische Motor zu ihrer Entfaltung mehr oder weniger fehlt, werden gewünscht oder geduldet, soweit sie nützlich sind oder sein können. Handel fördert Geographie und Völkerkunde, Industrie belebt Physik, Chemie, Biologie. Und von hieraus, weil für diese Wissenschaften in der heutigen Kulturwelt überall die annähernd gleichen wirtschaftlichen Bedingungen in jeder Nation gegeben sind, kommt für diese Zweige der Wissenschaft der Schein nationaler Indetermination. Aber er läßt sich nur solange erhalten, als es sich um Wissenschaften handelt, die in ihrer Entfaltung und konkreten Entwicklung in die großen wirtschaftlichen Zusammenhänge hineingestellt sind, und soweit, als die Nationen von ihnen ergriffen sind. Darum ist englische, amerikanische, französische und deutsche Physik beinahe ein und dieselbe, aber es gibt kaum eine russische oder japanische. Aber wenn es sich um noch konkretere Wissensgebiete handelt, die nicht vorwiegend durch jenen wirtschaftlichen Faktor bestimmt sind, so tritt die nationale Determination ganz rein in Geltung. Es ist kein Zufall, daß die Soziologie französische Erfindung ist, die Ethnographie englische, die Didaktik deutsche; daß die Psychologie in Amerika blüht; und deutsche und englische Soziologie oder Nationalökonomie zwei Welten beinahe für sich sind. Von der Geschichte, der Kunstwissenschaft und der Pädagogik ganz zu schweigen, denn hier wird geradezu die Nation als solche oder in ihren Teilen zum Objekt der Wissenschaft. Es ist hier nicht der Ort, diese ganze schwierige Frage nach allen Seiten auch nur anzudeuten; hier genüge die Formulierung: die Resultate der Wissenschaft sind übernational; der Betrieb der Wissenschaften ist national bedingt, und je spezieller ihr Objekt, desto unterschiedlicher und weitergreifend. Daher kann es auch eine jüdische Wissenschaft geben. Wäre das jüdische Volk organisiert, gleich den meisten anderen, d. h. besäße es eine annähernd in sich geschlossene Wirtschaft, so wäre diese Konstatierung selbstverständlich. Dann würde jüdische Wissenschaft die Summe aller jener wissenschaftlichen Betätigungen heißen, die aus der jüdischen Wirtschaft ihren Lebenssaft zögen, von ihr ermöglicht, gefordert oder gefördert würden. Und diese jüdische Wissenschaft würde sich in den oben gezeigten Grenzen von allen. anderen unterscheiden, soweit sich die in ihren Diensten stehenden Männer, die

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