Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 20 (25.7.1917)
- Article
- Der Kahal in Polen im XVI. bis XVIII. Jahrhundert
- Date
- 1917-07-25
- Page
- Seite 587 (sequence 5)
- Language
- German
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587 VII. Der ScMadlan (Syndikus) ist Rechtsvertreter der Juden gemeinde bei Behörden und privaten Herren. Es spricht polnisch und „weiß, wohin zu gehen und was in einer jeden Frage zu tun". In Lemberg sehen wir in der ersten Hälfte des XVII. Jahrhunderts noch christliche Syndici, in Krakau sind es seither Juden, die oft in einer Person Syndici und Kempsores sind. Schon im Jahre 1365, als Kasimir der Große die Krakauer Akademie gründete, bestellte er einen jüdischen Geldverleiher (Campsor [von: cambio]), der den "Studenten Geld auf 25% gegen ein Faustpfand zu borgen hatte. Sein Titel lautete „Communis totius Universitatis servus privilegiatus", und er wurde über Vorschlag des Kahals von Krakau vom Rektor der Universität ernannt. So wie der Campsor dem Rektor, so mußte der Syndikus dem Wojewoden (Palatin) den Diensteid leisten, und aus der Eidesformel der Krakauer Syndici: Lob Sohn Mawci und Jakob aus Opatöw (22. April 1641) erfahren wir, daß diese Beamten Gerichtsvorladungen zustellten, visa reperta machten und dem adligen Judenrichter über alles, was im Ghetto vorging, zu berichten hatten. Anderseits waren sie Bevollmächtigte des Kahals und der jüdischen Kaufleute und hatten die Pflicht, dieselben vor Gericht, beim Klerus usw. zu vertreten Eine lange Reihe der Sclitadlanim lernen wir in Posen kennen, von denen der letzte: Isak Eisig Schtadlen nach 45jähriger Dienstzeit im.Jahre 1828 pensioniert wurde. Es waren mutige Männer, die Kraft und Herz hatten, im Tempel der Starken dieser Welt zu erscheinen, Helden waren, um schnell alles zu erfüllen, überall, wohin es nötig war, zu gehen, jeden Stein des Anstoßes von den Füßen der Kinder Israels vorwegzunehmen29). Einer von ihnen, Jakob Ben Pinkas, — wie wir schon erwähnt haben — verlor zusammen mit dem Darschan sein Leben im Ritualprozess des Jahres 173680). Im Jahre 1623—31 bezog der P o s e n e r Schtadlan M o r d e c h a j Breinches ein Jahresgehalt von 300 fl. und 3 fl. die Woche für seine Frau. VIII. Zu den Kahalsfunktionären gehören noch Ärzte, Apotheker, Bandagisten, Hebammen, Wa r t e fl n n e n usw. Der Krakauer Kahal stellt in dem XVI. und XVII. Jahrhundert berühmte spanische und italienische Arzte und Apotheker an und neben ihnen Barbiere und Chirurgen. So verpflichtet der Kahal in Krakau den Sender Barbier er, die Kranken chirurgisch zu heilen, und zwar, wenn er einen Fuß, eine Hand bricht oder sich anderswie verwundet. Nur bei schweren Fällen (wie z. B. Aussatz) muß er den Rat eines geprüften Arztes einholen. Senders Gehalt betrifft 75 fl. jährlich. In Posen besuchen die Ärzte Isak und Moses dreimal die Woche das jüdische Krankenhaus (HeMesch) und müssen überdies für 15 Croschen pro Visit alle Steuerzahler behandeln. 29) Lewin, L.: Der Stadlan im Posener Ghetto. Festschrift Feilchenfeldt. 1905. S. 31—39. 30) Balaban: Zur Geschichte der Juden in Polen (1915). S. 58-61. (Der Ritualprozeß in Posen 1730—1740.)