Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 20 (25.7.1917)
- Article
- Der Kahal in Polen im XVI. bis XVIII. Jahrhundert
- Date
- 1917-07-25
- Page
- Seite 585 (sequence 3)
- Language
- German
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585 Juden, die ihren Söhnen oder Schwiegersöhnen eine schöne Lebensstellung sichern wollten, zur Bestechung griffen. Gegen diese Simonie eifert der Judenreichstag zu wiederholten Malen (1587, 1590,1640), doch, wie es scheint, ganz erfolglos. Noch verderblicher als die Simonie war die Zuhilfenahme adeliger. Protektoren, die sich davor nicht scheuten, manchmal Leute ohne jegliche Fachbildung auf den Rabbinerstuhl ihrer Stadt (Erbherr) oder ihres Amtssprengeis (Wojewode) zu setzen, wenn er nur Sohn oder Schwiegersohn ihres Hausjuden gewesen ist. Um die Mitte des XY11. Jahrhunderts reißen die Wojewoden das Ernenn ungsrecht des Rabbiners an sich und verlangen dafür hohe Taxen. In Lissa behält sich dieses Recht die Erbherrschaft vor und nimmt dafür im XVIII. Jahrhundert 600 fl. In Privatstädten war das Los des Rabbiners — wie überhaupt aller Bewohner und besonders der Juden — von der Laune des Erbherrn oder seines Verwalters abhängig. So sehen wir in S a t a n 6 w (Podolien), wie der Verwalter Pogroschowski den bereits durch 10 Jahre (1700—1710) amtierenden Rabbiner Simon Wolfowi cz (Sohn Wolfs) verjagt und an seine Stelle den Moses Abrahamowiez zum Rabbiner ernennt. Kaum erhielt Simon das Rabbinat in Smotorycz, als er von Pogroschowski zur Rückkehr nach Satanöw und Übernahme des Rabbinats aufgefordert wurde. Simon verweigerte den Gehorsam und floh aus der Stadt. Die Schergen des Verwalters nahmen aber seine Frau und Kinder gefangen und zwangen dadurch Simon zur, Rückkehr. Nach sieben Wochen wurde er aber wieder aus Satanöw verjagt26). Solche Dinge kamen aber nicht nur in kleinen veschiagenen Märkten vor, es erzählt uns ja kein geringerer als J o m 1 o b h Lippmann Heller — damals Rabbiner in Wlodzimierz Wolynski —, daß, sooft der Erbherr in die Stadt kam, er dieselbe verlassen mußte. II. Der Rosch Jeschiba. Mit dem Aufblühen des Talmudstudiums in Polen wurden in großen Gemeinden Talmudakademien (jeschiba) gegründet, die unter die Leitung von großen Gelehrten gestellt wurden. Der Leiter einer solchen Akademie war dem Stadtrabbiner ebenbürtig und wetteiferte oftmals mit demselben um den Vorrang in der Gemeinde. Manchmal (L u b 1 i n Anfang des XVII. Jahrb.) trugen beide gleichzeitig Talmud vor und leiteten zwei separate Akademien. Im Jahre 1567 erhielt der Leiter der Akademie in Lublin vom König den Titel eines Rektors und die Jeschiba gänzliche Steuerfreiheit27). Es war der Ehrgeiz einer Gemeinde eine Jeschiba erhalten zu können, und daher können wir den Schmerz der Posener Juden verstehen, als sie um 1712 gezwungen waren, aus Mangel aller Mittel ihre Jeschiba aufzulösen28). Ja, viele Talmudakademien — wie die des Mose Isseries in Krakau (Mitte des XVI. Jahrhunderts) oder des Josue Falk in Lemberg (starb 1614) — waren privat; neben ihnen bestanden aber Kahals- Jescliibas, für welche die besten Lehrer ausgesucht und bezahlt wurden. 2ö) Archiv Jugo Zapadnoj Rossyi, Bd. V, Nr. 98. 27) Russko-jewrejskij Archiv, Bd. III, Nr. 172. 2S) Perles, Geschichte der Juden in Posen, S. 80 u. 121, Anm. U. Als man nachher die Jeschiba reaktiviert hatte, bezog der Rektor (1775) 9 fl. die Woche. (Ibidem S. 123.)