Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 20 (25.7.1917)
- Article
- Grundsätzliches zur deutschen Judenfrage
- Date
- 1917-07-25
- Page
- Seite 580 (sequence 3)
- Language
- German
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580 Es soll nun hier., beileibe nicht untersucht und entschieden werden, "was an den vorstehend skizzierten gegensätzlichen Anschauungen richtig oder falsch ist.* Sind die Juden eine Rasse, ein besonderes Volk oder nicht? Sind Judentum und Deutschtum unvereinbare Ideengegensätze oder nicht? Ist der jüdische Geist dem deutschen gleich, verwandt oder entgegengesetzt? Vielmehr sei hier nachdrücklich betont: diese Fragen bedürfen politisch keiner Untersuchung und keiner Entscheidung. Das Grundübel ist gerade, daß diese Fragen stets in die politische Debatte geworfen werden und hier zu Tatbestandsfälschungen und Urteilstrübungen, diesen schlimmsten Feinden einer gesunden Politik, führen. Die Judenpolitik hat es nicht mit Ideen und Begriffen, nicht mit religiösen Dogmen, nicht mit wissenschaftlichen Theorien, nicht mit Weltanschauungen zu tun, sondern mit der jüdischen Wirklichkeit; die aber ist eine komplizierte Tatsächlichkeit. Sie hat es zu tun mit feststehenden oder objektiv feststellbaren Tatsachen. Dogmen wie „die Juden sind eine Nation" oder „die Juden sind nur eine Religionsgemeinschaft" oder „Deutschland gehört allein den Angehörigen der germanischen Rasse", „nur ein Abkömmling germanischer Rasse kann wahrhafter Deutscher sein" sind für die unmittelbare politische Verwertung nicht brauchbar. Damit soll kein Urteil schlechthin über den Wert derartiger — anthropologischer, geisteswissenschaftlicher, philosophischer usw. — Forschungen abgegeben sein, An dieser Stelle handelt es sich um die Ausschaltung politisch irrelevanter unfruchtbarer Gedankengänge aus der politischen Erörterung. Die Grundtatsache, mit der es die Judenpolitik zu tun hat, ist die V e r q u i c k u n g zweier ungleicher Elemente. Die Tatsache der Ungleichheit, mindestens die Tatsache der unauslöschlichen Überzeugung des größten Teiles der Beteiligten von dieser Ungleichheit ist nicht zu leugnen. Die Politik hat mit dieser Tatsache zu rechnen, muß aber verzichten auf die quantitative oder qualitative Bestimmung der ungleichen Größen x und y in der Gleichung: Jude (Judentum): Deutscher (Deutschtum) x : y." Daß das Gesetz die rechtliche Gleichheit der Juden ausspricht, berechtigt nicht dazu, nun jeden Unterschied zwischen Deutschen und Juden für aufgehoben zu erklären; andererseits ist aber die Erkenntnis der tatsächlichen Ungleichheit sowie des beiderseitigen Gefühls der Ungleichheit für sich allein noch nicht geeignet, die Errungenschaften der Emanzipation zu erschüttern, wenn auch keinesfalls die volle Gleichberechtigung und absolute Gleichbehandlung der Juden Dinge sind, die als erhaben über jede Diskussion hingestellt werden dürfen. Der Tatbestand der deutschen Judenpolitik enthält ein weiteres Element: Das ist die U n 1 ö s 1 i c h k e i t jener Verquickung. Zwar sind viele einzelne jüdische Bestandteile noch ausscheidbar. Sogar der Gedanke der Entfernung aller jüdischen Individuen aus Deutschland ist denkbar, aber der Gedanke ist eine Utopie; niemand glaubt an seine Verwirklichung. Doch selbst die Verwirklichung vorausgesetzt — die unlösliche Verquickung wäre damit nicht beseitigt; denn es bliebe die Mischung des deutschen und jüdischen Bluts, die so weit geht, daß nicht