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Neue jüdische Monatshefte · 1917-07-25 · Heft 20 (25.7.1917) · p. Seite 579

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 20 (25.7.1917)
Article
Grundsätzliches zur deutschen Judenfrage
Date
1917-07-25
Page
Seite 579 (sequence 2)
Language
German
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579 anderes sind, als eine Konfession, es gehe daher prinzipiell nicht an, Sondereigenschaften oder Sonderleistungon der Juden als wesentlich für die Judenpolitik in die Debatte zu werfen. Daher geht dieso Richtung in mehr oder weniger beabsichtigter Blindheit über alles spezifisch Jüdische, sei es gut, sei es schlecht, hinweg und sieht es als nicht vorhanden an. Es darf nicht sein, also ist es nicht. Die Gleichheitsfiktion soll nicht erschüttert werden. Es gebe keinen Unterschied von Belang zwischen Juden und Deutschen (Cristen), sondern höchstens einen zwischen Judentum und Deutschtum (Christentum). Die ganze Judenfrage wird so auf die Ideenauseinandersetzung „Deutschtum — Judentum14 hinausgespielt; die Vergleichung ergibt nichts für das Judentum Belastendes, viel Gemeinsames und Verwandtes, Gleiches und Ähnliches; daraus wird dann wieder umgekehrt die Nichtberechtigung jeder Zurücksetzung der jüdischen Menschen, der Träger des Judentums, gefolgert. Für die anderen sind die Juden die absolut Ungleichen, die geistig und körperlich Undeutschen, dio freindo Rasse, Aus der Ungleichheit folgern die Extremen: die Fremden gehören hinaus, auch die weniger Extremen empfinden eine gewisse Sonderbehandlung und Zurücksetzung als gerecht. Auch hier ergeben sich dann Tatbestandsfälschungen und Urteilstrübungen, bewußte und unbewußte und solche dolo eventuali. Dieser Antisemitismus ist psychologisch wohl verständlich (womit nichts über seinen politischen Wert gesagt ist). Das Kausalitätsbcdürfnis sucht nach Ursachen für verwickelte soziale und wirtschaftliche Übel und stößt hierbei auf den Ungleichen, den Fremden, der als solcher schon alles Schlechten verdächtig ist; es ist dies eine allgemeine soziologische Erfahrung, unter der jede heterogene Minorität leidet, nicht nur die jüdische. Diese jüdischen Fremden haben im Mittelalter den schwarzen Tod verursacht und verursachen heute den Tod des Mittelstandes und anderes Übel. Hierzu kommt — ebenfalls eine nicht für die Judenfrage spezifische Erfahrung — jener Verallgemeinerungstrieb, der immer da sich einstellt, wo an dem der Beurteiteilung unterstehenden Individuen sein Individuelles gegenüber der Tatsache seiner Fremdheit zurücktritt, die er mit seinen Brüdern teilt. N. N., der Jude ist, begeht eine Tat. Das Urteil entwickelt sich so: der Jude N. N. hat das getan — eine echt jüdische Tat — die Juden begehen derartiges .... So folgt aus der Heterogenität und Minorität der Juden sowohl ein Verdächtigungsals auch ein Verallgemeinerungstrieb auf Seiten der herrschenden Majorität und die Resultate aus beiden Komponenten ist die antisemitische Beurteilung, die dio Juden gemeinsam belastet für schlechte Taten einzelner, dio ausgleichende Gutschrift guter Taten einzelner Juden aber unterläßt. Der Kryptoantisemitismus hat seine Wurzeln in beiden Anschauungssphären. Die eine Wurzel ist die Theorie, daß dio Juden Menschen und Bürger sind, gleich den übrigen, die andere Wurzel ist das in den Seelen nun einmal waltende Gefühl ihrer Ungleichheit und Artfremdheit. Den Ausgleich zwischen Theorie und Praxis stellt dor Kryptoantisemitismus dar, die in Deutschland vor allem in gebildeten und politisch maßgebenden Kreisen übliche Stellungnahme zur Judenfrage.

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