Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 20 (25.7.1917)
- Article
- Judentum und Nationalismus
- Date
- 1917-07-25
- Page
- Seite 577 (sequence 4)
- Language
- German
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577 nur, daß der Kult dieser Lebensgemeinschaft als Ziel an sich (als Nationalismus!) der Grundkraft jüdischen Wesens genüge tun kann. Denn die, von allen Emanationen abgesehen,, völlig einzigartige Offenbarung dieser Kraft ist es ja, daß sich hier und nur hier Jahrtausende hindurch einVolkohnejedeUmgrenzungdurchorganisatorische Macht, nur durch die Gewalt einer Idee erhalten hat. So ist durch seine bloße Fortexistenz mehr als durch jede Einzelleistung das Judentum in der Geschichte ein höchster Triumph der weltbezwingenden religiösen, rein geistigen, also allgemeinen, also übernationalen Kräfte in der Menschheit X. Die Wurzeln jüdischen Geistes durch eine Pflege jüdischen Nationalgef ühls zu begießen ist möglich und vielleicht nötig. Aber die Grundlagen des Judentums sichern wollen, indem man die Juden mit einem nationalistischen Sinn erfüllt, ist der reine Typus einer Eisenbart-Kur, heißt Zahnschmerzen durch einen Schuß ins Gehirn beseitigen. Was kann eine Pflege der Wurzel für Frucht bringen, die zugleich Krone und Stamm dauernd dicht über der Erde abhaut? Nationalistisches Judentum kann nicht anders denn als contradictio in adjecto gehört werden. v XL Man kann also als Jude so wenig wie einen „jüdischen", einen deutschen, französischen, englischen, spanischen, russischen, kurz, überhaupt keinen Nationalismus hegen. Man kann dies in Wrahrheit auch als Christ, als Buddhist, kurz, als Anhänger irgendeiner Geistesreligion nicht, weil diese stets den letzten Wert ins Menschsein, also ins Übernationale legt. Dieses unterscheidet sie ja just von der kulturgeschichtlich früheren Forin der „Nationalreligion4'. Mit der nationalistischen Entscheidung stellt Jude wie Christ seine religiöse Existenz hinter sein Staatsbürgertum und die von ihm garantierten speziellen Menschlichkeiten zurück. (Nicht das jeweilige Recht und der Wert, nur die Wesensart solcher Entscheidung steht hier in Frage!) XII. Der Geist einer Menschheitslehre darf nicht abhängig gemacht wTerden von einem Nationalgefühl; das jüdische Volksmäßige darf niemals als die „Substanz", der eigentliche Wesenskern des Judentums bezeichnet werden. Der Kohlenfaden, der da erglüht, ist nicht das Wesen, nur ein Erscheinungsmittel der Elektrizität! Judentum in seiner geschichtlichen Bedeutung ist eine Schwingungsart der seelischen Moleküle, ein Rhythmus, der heute auch durchaus eine aus deutschem oder persischem Kulturstoff gebaute Menschlichkeit ergreifen kann. Wahr freilich ist, daß diese Schwingungsart sich stärken und erneuern wird im Anblick des Volkstums, das sie einst erschuf. Wie allo rein menschlichen Leistungen eines Volkes doch in seinem Volkstum wurzeln, so zieht auch eine Menschheitsreligion stets verjüngendes Leben aus dem Volks-