Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 20 (25.7.1917)
- Article
- Judentum und Nationalismus
- Date
- 1917-07-25
- Page
- Seite 576 (sequence 3)
- Language
- German
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576 Setzungen Staatskult und Nationalismus wie Seelßorge und Theologie unlöslich miteinander verbunden. In einem ganz entsprechenden Verhältnis stehen Religiosität und Menschheit s g e f ü h 1. VI. Daraus folgt, daß Völker von un metaphysisch er Anlage, Völker, deren hohe Gaben ganz wesentlich im Organisatorischen, Staatspraktischen aufgehen, ein natürliches Recht zum Nationalismus haben: sie dürfen die Pflege ihres (staatlich organisierenden) Volkstums für das Höchste halten, weil sie wirklich ihre höchste Möglichkeit bedeutet. Die größten geschichtlichen Beispiele geben Rom und England. VII. Ein Volk dagegen, dessen kulturgeschichtlicher Beitrag im Ergreifen letzter menschlicher Prinpizien liegt, ein Volk, dessen Genie metaphysischer Natur ist, das innerhalb der Grenzen des materiell organisierbaren keine irgendwie spezielle Leistungsfähigkeit besitzt, solch Volk könnte die Wendung zum Nationalismus nur alsGefährdungseinesDaseinssinns erfahren. Das größte weltgeschichtliche Beispiel eines Volkes von ganz überwiegend metaphysischer Kulturbedeutung bildet der im Judentum geeinte Menschheitsteil. VIII. Diesen Satz bestreiten zu wollen, durch den Hinweis, daß das Judontuminseiner Entstehung (wie alle Religionen!) eine „N a t i o n a 1 r e 1 i g i o n" war, wäre nicht gescheiter, wie den Wesensunterschied zwischen Mensch und Fisch zu leugnen, weil das menschliche Embryo nach biogenetischem Gesetz ein Fischstadium durchläuft! Tatsache ist, daß das Judentum in seiner Leistung, seiner weltgeschichtlichen Bedeutung, seiner unvergleichlichen Wesensart sich von hundert verwandten orientalischen Religionen, in demselben Grado abhebt, indem es den speziell nationalen Charakter überwindet: Die ersten großen Propheten legen bereits den innersten Kern spezifisch jüdischen Wesens an als Träger einer sozialen Leidenschaft in der Zeit beginnender nationaler Auflösung; den ersten dauernden äußeren Umriß gibt Esra dem Judentum zu einer Zeit, wo Juden schon zu wesentlichen Teilen im persischen Weltreich zerstreut sind; die tiefste Dichtung des alten Testaments ist erst zur griechischen Zeit entstanden, spielt im „Lande Uz" und setzt also nicht einmal einen Volksgenossen zum Helden des Gottesstreites. Alle späteren weltbewegenden Emanationen jüdischen Geistes: Das Christentum — der Spinozismus — der Sozialismus sind ausgeprägt übernationaler Natur. IX. Damit ist keineswegs geleugnet, daß bei den jüdischen Menschen (wie bei allen Menschen) die Weltanschauung ausdemBoden einer (als Nationalgefühl!) empfundenen besonderen Lebensgemeinschaft der volksmäßig näheron Mitmenschen wuchs und wächst. Geleugnet ist