Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 20 (25.7.1917)
- Article
- Judentum und Nationalismus
- Date
- 1917-07-25
- Page
- Seite 575 (sequence 2)
- Language
- German
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575 des eigenen Volkstums als das wichtigste für die „^ahre" Förderung der Menschheit angesehen wird. Da daraus aber Folgerungen gezogen werden, die in jedem praktischen Fall das Recht aller anderen Bildungskräfte hinter dem Volksgefühl und das Recht aller andern Menschheitsmitglieder hinter das Recht des eigenen Volkes unbedingt zurückstellen, so ist dieser praktische Nationalismus dorn theoretischen ziomlich gleich zu achten. III. Das Verhältnis von Judentum und Nationalismus untersuchen, heißt nicht die Streitfrage aufrollen, ob die jüdische Gemeinschaft als volksmäßigo, rein religiöse oder sonstwie zu begreifen sei. (Das wäre die Frage „Judenheit und Natio n".) Heißt auch nicht die damit eng zusammenhängende Frage erörtern, wie sich im Einzelnen das Gefühl für sein Judentum zum Gefühl für das Staatsvolk, in dem er lebt, verhält. (Dies wäre die Frage „Judentum und N a t i o n & 1 g e f ü h 1" nach ihrer inhaltlichen Seite.) Vielmehr ist die Frage, wie sich der Nationalismus als formendes Prinzip, als eine Weltanschauung (gleichviel zunächst, an welchem Volk immer er sich entfaltet!) verhalten muß zu jener Art von geistiger Haltung, von Weltanschauung, die in der Geschichte als „ J u d e n t u m" entfaltet ist. IV. Der Standpunkt, von dem aus man die Vermählung einer geistesgeschichtlichen Tendenz mit dem Nationalismus als sinnvoll oder sinnwidrig beurteilen kann, scheint mir allein der der fruchtbarsten Entfaltung zu sein. Man wird sagen, daß diejenigen Menschheitsgruppen, deren .charakteristische und produktivste Kräfte bei der Annäherung an den Pol der völkischen Selbstzufriedenheit gedeihen, ein relatives Recht zum Nationalismus haben; während andero, deren Bestes sich nur in der möglichsten Annäherung an die unbeschränkten Menschheitsgefühle entfaltet, durch ein Bündnis mit dem Nationalismus die Todsünde gegen ihr>innerstes Lebensgesetz begehen. V. Es bleibt festzuhalten: Der Nationalismus schneidet aus der nur in letzten geistigen Prinzipien geeinten, nur religiös erfaßbaren „Menschheit4' eine engere, von begrenzteren und zum wesentlichen Teil materiellen Interessen geeinte Gruppe aus. Die Pflege dieser engeren und stofflicheren Interessen liegt in der Möglichkeit der praktischen Verwaltung — der Organisation — des Staates. Staatskultur und Nationalismus sind deshalb Wertsetzungen, die zwar an sich nicht identisch, nicht umfangsgleich sind und die sich deshalb sogar feindlich kreuzen können — wie Seelsorge und Theologie, Theater und dramatische Dichtung, Politik und Staatswissenschaft, kurz jede organisierende Tendenz, die mehr als einer ihrer inhaltsspendenden Kräfte Rechnung tragen muß, mit ihrer inhaltlichen Haupttendenz einmal in Konflikt kommt. Aber doch sind diese Wert-