Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 19 (10.7.1917)
- Article
- Wilhelm von Humboldt in seinem Briefwechsel mit Juden und Jüdinnen
- Date
- 1917-07-10
- Page
- Seite 558 (sequence 2)
- Language
- German
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558 Friedender antwortete darauf: „Ew. Exzellenz gütiges fortwährendes Wohlwollen, dessen ich mich erfreue, hat mich mit einem neuen Werke Ihrer Muse beschenkt, das mir beinahe den Wunsch entlockte, meine irdische Laufbahn mit dem Anfang dieses Jahrhunderts begonnen zu haben. Warum mußte ich im Jahre 1700 geboren werden? ,Gern red* ich wohl Mit Kundigen, doch Unkundigen bleibe ich unerkannt,1 so ruft mir der Wächter im ,Agamemnon' laut und warnend zu. Dies darf mich aber nicht abhalten Ew. Exzellenz mit dem Gefühl der inneren Dankbarkeit meine Verehrung an den Tag zu legen; zudem ich die belehrende Weisung erhalten: auf den Gesang der Chöre besonders meine Aufmerksamkeit zu richten. Auch bin ich nicht so alt, wie der Greis Barsilsai*) und lausche ich noch auf edle Stimmen gern. Die Vorsehung erhalte Sie noch lange der Welt, den Wissenschaften und Ihrem Sie verehrenden Friedlander." Nach dem Tode von Friedländer schrieb Humboldt an den Sohn des Verstorbenen aus Tegel u. a. folgendes: „Er (Friedländer) hatte nicht allein durch das Verdienst und Talent einen ganz eigenen Standpunkt errungen und wird diesen auch im späteren Andenken gewiß behaupten. Es hat mich ungemein gefreut, daß sich der Verewigte noch bisweilen mit meinem Bruder und mir in Gedanken beschäftigt hat und wird uns gewiß immer unvergeßlich bleiben, wie er bildend auf uns eingewirkt hat Durch das große Wohlwollen, das er uns schon in der frühesten Zeit schenkte, war er aufmunternd und anregend, sowie durch seinen hellen Verstand, seine fast nie unterbrochene Heiterkeit und seine beständige Richtung auf eine innere und äußero nützliche Tätigkeit unterhaltend und belehrend für uns. Über mehrere wichtige Punkte des Lebens und der Gesellschaft führte er uns früh auf die richtigen, damals bei weitem noch nicht allgemein geteilten Ansichten." Wie zu D. Friedländer, so hatte Humboldt von frühester Jugend an vertraute freundschaftliche Beziehungen zu dem vielgesuchten Arzt und Philosophen Dr. Markus Herz, Professor und Waldeckscher Hof rat, zu dessen Frau, der berühmten Henriette Herz, die bekanntlich die Begründerin des Berliner Salonlebens war. Er zählte zu den fleißigsten Besuchern der philosophischen Vorlesungen, die Herz,, ein Lioblingßschüler Immanuel Kants, in Königsberg in seiner Wohnung über die Kantische Philosophie hielt. Auch mit Dorothea Mendelssohn, der Tochter Moses Mendelssohns, die er in seinen Briefen stets „Brendel44 nannte, sowie mit R a h e 1 L e w i n, die später des Schriftstellers und Diplomaten Varnhagen von Ense Frau wurde, stand er in regem brieflichen Verkehr. Namentlich kam er mit ihnen in dem sogenannten „Tugendbund44, wie sich damals eine Vereinigung strebsamer l) Anspielung auf 2. Sam. 19, 29.