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Neue jüdische Monatshefte · 1917-07-10 · Heft 19 (10.7.1917) · p. Seite 549

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 19 (10.7.1917)
Article
Grundsätzliches zur deutschen Judenfrage
Date
1917-07-10
Page
Seite 549 (sequence 7)
Language
German
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549 erstattung verlangt aber zum mindesten, daß neben den jüdischen Besonderheiten im Schlechten auch die im Guten erwähnt werden. Denn nur so entsteht ein wahrhaftiges Bild des jüdischen Sonderscins und -leistens. Aber gerade in diesen Zeitungen, die so gerne einen Lumpen, mag er Jude sein oder nicht, als Juden kennzeichnen, sucht man zumeist vergeblich einen Hinweis auf die Juden, die zu Deutschlands größten Wohltätern und verdienstlichsten Männern gehören. Diese Zeitungen erzählen z. B. ihren Lesern nicht, daß die drei bedeutendsten Bekämpfer der verheerenden Geschlechtskrankheiten. Neisser, Ehrlich und v. Wassermann deutsche Juden sind, daß zwei der Nobelpreisträger 1915 Juden waren (Barany, Willstädter), daß die größte Entdeckung der Neuzeit auf dem Gebiete der theoretischen Physik von dem Juden Einstein stammt, daß der größte Förderer der deutschen Landwirtschaft, Prof. Adolf Frank, der die Kalidüngung lehrte und damit zugleich die bedeutsame deutsche Kaliindustrie schuf, sowie daß Professor Haber, ohne dessen künstlichen Stickstoff unsere Munitionsbeschaffung und Ackerdüngung im Kriege bei Sperrung der Salpetercinfuhr überhaupt nicht möglich wäre, daß der Organisator unserer Kriegsrohstoff Versorgung, Walter Rathenau, Juden sind. Diese Presse verschweigt also das Gute und berichtet das Schlechte. Sie verstößt damit gegen die hohe publizistische Pflicht der Wahrhaftigkeit der Berichterstattung. Sie ist, vom Standpunkt einer gesunden Judenpolitik, noch gefährlicher als die anderen beiden oben gezeichneten Typen. Hinter der antisemitischen Presse stehen keine großen Massen; wer sie regelmäßig liest, ist schon überzeugt von der absoluten Schlechtigkeit alles Jüdischen und sucht nur eine fortlaufende Bestätigung der Richtigkeit dieser seiner Überzeugung. Bisweilen übertreibt die antisemitische Presse so stark, daß sie zur unfreiwilligen Karikatur ihrer selbst wird. Daher gewisse Blätter dieser Richtung geradezu als Witz¬ oder Sensationsblätter von Leuten gelesen werden, die in ihnen nicht Belehrung über Tatsachen, sondern eine Unterhaltung suchen. Politisch bedenklicher ist schon die Methode der an erster. Stelle geschilderten judcnfreimdlichen Presse: Sie bestärkt die gewichtigen gebildeten und politisch einflußreichen Kreise des Volkes, in denen sie ihro Leser findet, in der wirklichkeitsfremden Ideologie der absoluten Gleichheit von Juden und Deutschen und kompliziert dadurch die Judehfrage, statt durch Klarstellung ihres Wesens den Boden für eine Lösung zu bereiten. Diese Politik ist bedenklich wie jede Vogelstraußpolitik. Aber die schädlichste Art der Unwahrhaftigkeit ist die der kryptoantisemitischen Presse; sie träufelt den noch ganz unbefangenen Lesern unvermerkt das Gift des Hasses ein und führt den unklaren judenfeindlichen Instinkten anderer Leser Nahrung zu; sie tut das mit einem perfid unschuldigen Gesicht, so daß trotz verheerender Wirkung ihr der Dolus nicht nachweisbar ist. Wo die antisemitische Presse lügt und übertreibt, wo die „Judenpressc" einfach schweigt, da fälscht sie durch dieses raffinierte System, gemischt aus Verschweigung und Andeutung, die Wahrheit und vergiftet die öffentliche Meinung. Während jene

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