Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 19 (10.7.1917)
- Article
- Grundsätzliches zur deutschen Judenfrage
- Date
- 1917-07-10
- Page
- Seite 548 (sequence 6)
- Language
- German
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54S sehr vielen Leuten mit ausgesprochen nissischen oder auch deutschen Namen einer namens Rubinstein beteiligt war, berichteten sie ihren Lesern von der Korruption der russischen Gesellschaft unter der Überschrift: „Rubinstein und Genossen" und gebrauchten diese Bezeichnung der Clique mit Vorliebe auch im Text selbst. Enthüllungen, Verhaftungen und Gerichtsverhandlungen, wegen Wucher, Schiebereien, Höchstpreisttberschreitungen bringt diese Presse nicht erschöpfend, sondern mit Vorliebe dann, wenn daran Angeklagte mit jüdisch klingendem Namen beteiligt sind. Von den in England ansässigen Deutschen, die sich nach dem Lusitaniafall gegen Deutschland bekannten, nennen diese Zeitungen nur oder hauptsächlich solche, die jüdisch klingende Namen tragen; die mit christlichen oder gar mit aristokratischen Namen verschweigen sie. Seitdem sich Italien vom Dreibund losgesagt hat, wird auf Sonninos jüdische Abstammung hingewiesen. Bei der Besprechung der englischen Einkreisungs- und Aushungerungspolitik wurden mit Vorliebe die Namen der englischen Staatsmänner Samuel und Isaak hervorgehoben. Dieselben Tatsachen verzeichnet auch die antisemitische Presse, aber in der Art und Weise zeigen sich bedeutsame Unterschiede. Die antisemitische Presse illustriert mit diesen Tatsachen ihre Grundthese: Aller Wucher, alle Kriegsschiebereien, aller Deutschenhaß, alle Verräterei, kurz alles Schlechte auf der Welt geht auf die Juden zurück. Das heißt, bei aller Unwahrhaftigkeit im Tatsächlichen mit offenen Visier kämpfen. Warum aber, in welcher Weise ..itd mit welcher Wirkung erzählt die kryptoantisemitische Presse diese Tatsachen? Sie zieht keine Folgerungen daraus, aber sie läßt sie die Leser erraten; sie suggeriert den Lesern die Überzeugung von der Gefährlichkeit des jüdischen Elements oder bestärkt sie in den zumeist schon vorhandenen antisemitischen Antipathien. Sie verurteilt das Jüdische nicht offen; denn dies verträgt sich nicht mit den human-liberal-modernen Grundsätzen, aber sie verlegt diese Verurteilung des Jüdischen zwischen die Zeilen; hier wirkt sie, kann aber nach Bedarf mit ehrlichem Augenaufschlag abgeleugnet werden. Ich sehe noch ganz davon ab, daß eine Reihe der als jüdisch bezeichneten oder doch gekennzeichneten Tatsachen gar nicht jüdisch sind (z. B. d'Annunzios jüdische Abstammung) oder daß die jüdische Beziehung für die sachliche Beurteilung des Falles gleichgültig ist. Es soll hier nichts dagegen gesagt werden, daß ein Lump, der Jude ist, auch Jude genannt wird; die Tatsache, daß Juden an gewissen Verbrechen, vor allem solcher vermögensrechtlicher Art, stärker beteiligt sind als an anderen, wie auch die Tatsache, daß viele Juden deutscher Herkunft sich im feindlichen Auslande befinden oder bei der sozialdemokratischen Partei, kann nicht geleugnet werden, erheischt sogar Besprechung, allerdings nicht in demagogischer, sondern wissenschaftlicher Weise mit Aufdeckung der Gründe, deren dann freilich zumeist die deutsche Regierung und Gesellschaft sich mehr zu ßchtimen hatte, als die Juden selbst. Die Wahrhaftigkeit der Bericht-