Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1917-07-10 · Heft 19 (10.7.1917) · p. Seite 547

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 19 (10.7.1917)
Article
Grundsätzliches zur deutschen Judenfrage
Date
1917-07-10
Page
Seite 547 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2908689-2908690-2908709-2909937--0891-2909961
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

547 wo es. nicht ist. Psychologischer Ausgangspunkt ist ein überaus starkes Empfinden der Fremdheit, der Andersartigkeit des jüdischen Elements, die für unüberbrückbar und bei Vermengung mit dem Deutschtum für gefährlich gehalten wird. Als Ziel wird verkündet: Ausscheidung des jüdischen Elements; in dieser Lösung der Judenfrage erblickt diese Richtung auch die Lösung der sozialen Übel, an denen das deutsche Volk krankt. In Verfolgung dieses Zieles erwähnen diese Zeitungen jüdische Tatsachen, d. h. Tatsachen, an denen Juden irgendwie beteiligt sind, nur dann, wenn die Tatsachen zu mißbilligen sind; sie verschweigen die erfreulichen Tatsachen, an denen Juden beteiligt sind, und nennen andere, an denen Juden nicht beteiligt, sind, deshalb jüdisch, weil sie unerfreulich sind. Deshalb werden Feinde Deutschlands vielfach für Juden oder Judenabkömmlinge erklärt, z. B. Nikita von Montenegro, Veniselos (dieser erst seit 1914); die kriegswirtschaftlichen Nöte Deutschlands beruhen auf jüdischem Wucher; alle Juden sind Drückeberger und bereichern sich am Kriege. Es war erforderlich, diese beiden ersten Richtungen in der Verschiedenartigkeit ihres Mißverhältnisses zur jüdischen Tatsächlichkeit in möglichst scharfen Linien zu zeichnen, damit hierin die dritte Art, die weniger als solche auffällt, sich um so deutlicher daran abhebe und nicht mit der einen oder mit der anderen Art vermöge ihrer Ähnlichkeit mit beiden verwechselt wird. Sie sagt nichts gegen die Juden, vieles für sie, und doch könnte man sie eher noch antisemitisch als judenfreundlich nennen. Die meisten bürgerlichen deutschen Zeitungen, darunter führende liberale, gehören dazu. Sie vertreten eine ganz besondere Spielart der Unwahrhaftigkeit in jüdischen Dingen, die zugleich typisch ist für die Meinungen eines, großen Teiles der christlich-deutschen Gesellschaft. Als knappe Bezeichnung wüßte ich keine bessere als: Kryptoantisemitismus. Kann man den ersten beiden Arten — abgesehen von der unwahrhaftigen Behandlung der Tatsachen — doch eine gewisse Ehrlichkeit im Grundsätzlichen nachsagen — die erste betont die soziale und politische Irrelevanz alles Jüdischen, die zweite die soziale und politische Gefährlichkeit — so ist die dritte auch im Grundsätzlichen unehrlich: Sie vertritt in den Zeilen den ersten, z wische n den Zeilen den zweiten Standpunkt. Illustrieren wir dies durch Zitate! Was bringt diese Presse an Tatsachen? was nicht? Zeitungen dieser Richtung berichteten anläßlich der Aufdeckung der hochverräterischen Umtriebe des österreichischen OlTiziers Redl: Redls Urgroßvater sei Jude gewesen. Sie verzeichneten ferner anläßlich der Kriegshetze d'Annunzios die Erzählung, er sei ein böhmischer Jude namens Rappaport. Des verräterischen Kolmarer Bürgermeisters Blumenthal tun sie zumeist unter Beisetzung des Vornamens „David" Erwähnung, trotzdem eine Verwechslung auch bei bloßer Angabe des Nachnamens im Zusammenhange gar nicht möglich wäre und trotzdem sie bei den sonstigen elsaß-lothringischen Verrätern auf die Beisetzung des Vornamens verzichten. Als wahrend des Krieges . große Schiebungen in Petersburg entdeckt wurden, an denen außer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.