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Neue jüdische Monatshefte · 1917-07-10 · Heft 19 (10.7.1917) · p. Seite 546

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 19 (10.7.1917)
Article
Grundsätzliches zur deutschen Judenfrage
Date
1917-07-10
Page
Seite 546 (sequence 4)
Language
German
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546 dem Wissen um das Wesen der Judenfrage, bei vielen anderen aber auch an Aufrichtigkeit. Diese Unwahrhaftigkeit ist auch die Krankheit der Judenpolitik. Sie ist unwahrhaftig, unaufrichtig, verfolgt, geheim andere Ziele als offizielle, kurz, sie ist unpolitisch. Das ist das Schlimmste, was man von einer Politik sagen kann, n. Die deutsche Presse und die Judenfrage In dieser trüben Atmosphäre von Unwahrhaftigkeit und Unpolitik ist eine Stelle, wo das Übel sich besonders verdichtet und greifbar wird, somit am deutlichsten gesehen werden kann — die deutsche Presse, die Presse, in der wir gewohnt sind, die Erzieherin zur Wahrhaftigkeit und zur Politisierung des Volks zu sehen. Dem Thema „die deutsche Presse und die Judenfrageu müssen wir daher auf eine Weile unsere Aufmerksamkeit schenken. Drei Hauptkategorien der deutschen Presse hinsichtlich der Stek lung zur Judenfrage sind zu unterscheiden. Die erste ist die wegen angeblicher Judenfreundlichkeit von der antisemitischen Presse als „die Judenpresse44 bezeichnete. Die zweite Kategorie ist die antisemitische Presse. Die dritte wirkt antisemitisch, ohne direkt Antisemitisches zu sagen. Beurteilungsmaßstab und Einteilungsgrund ist das Verhältnis der Zeitungen zur jüdischen Wirklichkeit. Mangelhaft ist es bei allen dreien entwickelt, bei jeder der drei Arten in verschiedener Weise. Die erste Kategorie — es gehören zu" ihr namentlich angesehene liberale und demokratische Zeitungen — bringt von jüdischen Tatsachen so gut wie nichts. Die Judenfrage existiert für sie nicht. Für sie ist diese Frage nichts als die Folge mittelalterlicher Rückständigkeit, eines durch die Dummheit oder Bosheit der Menschen auf-, recherhaltenen Vorurteils, das innerlich unhaltbar ist und im Laufe der Zeiten mit Fortschreiten der Vernunft und Gesittung sicherlich schwinden wird. Juden gibt es, wie es Katholiken und Protestanten gibt; unter gebildeten Leuten sollte kein Streit bestehen, daß derartige konfessionelle Verschiedenheiten reine Privatsache sind, politisch völlig ohne Bedeutung und am besten in der öffentlichen Erörterung möglichst wenig erwähnt. Wenn ein Jude etwas Gutes oder Schlechtes vollführt, so hat dies mit seinem Judesein nichts zu tun. Antisemitische oder jüdisch-nationale Bestrebungen, die mit der Fiktion der Nur-Konfessionalität der Juden und der absoluten Gleichheit der Juden und Nichtjuden in Widerspruch stehen, werden mit einer Art von vornehmen Überlegenheit ignoriert, gelegentlich auch mit Ironie und unwiderleglich scheinenden Vernunftgründen abgelehnt. Ist die Judenfrago für diese Presse ein Phantom, ein reales Nichts, so ist sie für die antisemitische Presse ein Alles; nämlich alles Üble auf der Welt. Sieht die erste Art das jüdische Element nirgends, auch wo es wirklich ist, so sieht es die zweite überall, auch

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