Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 19 (10.7.1917)
- Article
- Grundsätzliches zur deutschen Judenfrage
- Date
- 1917-07-10
- Page
- Seite 545 (sequence 3)
- Language
- German
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545 zufrieden, ein abgesondertes Dasein zu führen, sie lebten als Fremdo nach Fremdenrecht (daher der Zweifel, ob es richtiger ist zu sagen: die Juden haben sich selbst ins Ghetto gesperrt oder die anderen die Juden). Aber auch als allmählich aus ideelLen und materiellen Gründen dieser Zustand — mehr vielleicht noch auf christlicher als auf jüdischer Seite — als unhaltbar empfunden wurde, da war der Inhalt der Frage klar: den Entrechteten sollte die Gleichberechtigung werden. Diese Judenfrage war gelöst mit der Emanzipation. Nach der Meinung der damaligen Zeitgenossen und auch vieler heutigen: die Juüenfrage. Das Verschwinden der etwa noch vorhandenen jüdischen Scnderart, deren Ursache man in dem jahrhundertelangen Sonderdasein erblickte, erwartete man von der Aufhebung dieses Sonderdaseins; die Emanzipation mußte zur Assimilation führen. Die Juden sind dann nur eine Konfessionsgemeinschaft wie die Katholiken, die Protestanten; die Angehörigen aller Konfessionen wurden für gleich vor dem Gesetz erklärt. Also konnte es nach der Theorie der Emanzipation auch -keine Judenfrage mehr geben; höchstens noch eine theologische. Und doch gibt es noch eine, trotz diesem so überzeugend einfachen Syllogismus. Die neue Judenfrage erwuchs mit Notwendigkeit aus der Lösung der alten. Jener Zeit war die Lösung vor allem* eine juristische Aufgabe: Die Beseitigung der Schranken, hinter denen die Juden ein gesellschaftlich, . beruflich und lokal gesondertes Dasein führten.. So fielen die Schranken und die Juden strömten in das lang verschlossene Bereich. Und es entstand die neue Judenfrage. Es stellte sich nun heraus, daß die Judenfrage im tiefsten Sinne gar keine Rechtsfrage ist, auch nicht mit bloß rechtlichen Mitteln zu lösen ist. Die damalige Frage war nur eine Erscheinungsform der Grundfrage. Mit der Erklärung der Gleichheit hört nicht auf: die Koexistenz von Juden und Nichtjuden, die Verquickung zweier ungleicher Elemente. Nur in der Form der Koexistenz, der Art der Beziehung, dem Verquickungsverhältnis trat eine Änderung ein. Lebten die Juden vorher als gesonderte Gemeinschaft neben der übrigen Gesellschaft, war somit das Problem, die Sonderling zu beenden, so vermischten sich nun die emanzipierten jüdischen Individuen mit der christlichen Gesellschaft, aus dem gesonderten Nebeneinander wurde ein Ineinander, ein Miteinander, ein Durcheinander, aus der bloß peripherischen Berührung ein Sichvermengen der ungleichen Elemente. Dieses Verquicktsein der ungleichen Elemente ist aber gerade der der Judenfrage zugrunde liegende objektive und materielle Tatbestand; aus diesem Tatbestand ergibt sich das eigentliche Ziel, das jeder vernünftige Versuch einer Lösung der Judenfrage erstreben müßte: Die Koexistenz harmonisch zu gestalten. Was die Frage aber so quälend, so verwirrend problematisch, die Lösungsversuche so unklar und ziellos erscheinen läßt, wie wir es oben gezeichnet haben, das ist die — sei es bewußte, sei es unbewußte — Unwahrhaftigkeit der Beteiligten, Christen und Juden, in ihrem Verhältnis zu diesem objektiven Tatbestand. Es fehlt bei den meisten an