Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 19 (10.7.1917)
- Article
- Grundsätzliches zur deutschen Judenfrage
- Date
- 1917-07-10
- Page
- Seite 544 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908709-2909937--0888-2909958- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
544 Dies ist einer der charakteristischsten Momente der modernen Judenfrage, daß sie mit keiner der anderen sozialen und politischen Fragen teilt, die unser modernes Leben erfüllen: die reale Geltung privater, unterirdischer, nicht ausgesprochener Meinungen neben und unter der offiziell ausgesprochenen formell geltenden Meinung. Die offizielle Judenfrage sieht anders aus, als die private, ja derselbe Mensch stellt oft öffentlich die Frage anders wie für sich privat, hält öffentlich eine andere Lösung für richtig als bei sich." Der vorstehende Versuch, das Wesen der modernen Judenfrage zu bestimmen, ist bisher nicht auf den materiell der Judenfrage zugrunde liegenden Tatbestand eingegangen, sondern hat absichtlich nur gewisse formale Eigentümlichkeiten und Begleitumstände ihrer •Existenz und ihrer Erscheinung gekennzeichnet. So nämlich erweist eich am deutlichsten, welche soziologische Anomalie die Judenfrage ist, und hier ist der tiefste Grund ihrer verwirrenden Problematik. Bei der Arbeiterfrage, der Polenfrage, bei der preußischen Wahlrechtsfrage oder der Frauenfrage ist formal nichts derartig Problematisches. Es handelt sich hier um klare Interessengegensätze, um den Kampf der Arbeiter um stärkeren Anteil an dem Ertrag ihrer Arbeit, um den Kampf der Polen um ihre nationale Anerkennung, um den Kampf des preußischen Volkes um sein Recht auf aktive Mitwirkung am Staat, um den Kampf der Frau um ihre Gleichstellung mit dem Manne. Wohl werden die materiellen Ziele bald weiter bald weniger weit gestellt, aber das sind nur quantitative Unterschiede, und so unterscheiden sich auch die Lösungsversuche; die Lösungen dieser Frage sind „Vergleiche", Ausgleiche konkurrierender Interessen durch gegenseitiges Nachgeben. Diese materielle Bestimmtheit der Strebungen und Gegenstrebungen der Beteiligten fehlt bei der Judenfrage, demgemäß auch die Möglichkeit einer Lösung in dem erwähnten Sinne eines Vergleichs zwischen feindlichen Interessen. Da der Inhalt der Frage selbst fraglich ist, so ist das, was sich der eine als Lösung denkt, für den anderen, der die Frage anders stellt, schon prinzipiell unbrauchbar. So ist die Judenfrage für viele die Frage der Gleichberechtigung. Aber wer tiefer blickt, sieht, daß es eine Judenfrage gibt, die erst auftaucht im Zustande der Gleichberechtigung, die um so problematischer wird, je weiter die Gleichberechtigung und die durch sie bedingte Aufnahme der Juden in die christliche Gesellschaft fortschreitet. Diese ganz besondere Problematik ist eine Eigentümlichkeit der modernen deutschen Judenfrage. Gewiß war die Lage der Juden auch vor der Emanzipation schlecht, oft erbärmlich schlecht; einzelne jüdische Individuen erlebten damals weit Grausameres als heute: Mord, Peinigung, Demütigung, Entehrung, Beschimpfung, Beraubung — aber die judenfrage als Ganzes war damals glatter, klarer, weniger verwirrend und erregend. Die Juden waren damals die Fremden, die Ungleichen, die Parias, sie wußten es nicht anders, sahen es vielfach als unabänderliches gottgewolltes Schicksal an; lange Zeit war dieser Zustand so normal, daß er als „Frage" gar nicht empfunden wurde, eine Judenfrage also eigentlich nicht existierte. Die Juden waren es