Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 18 (25.6.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-06-25
- Page
- Seite 539 (sequence 2)
- Language
- German
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539 seiner Individualität abzuschütteln, dennoch aber Iceine Berechtigungmehr, in Zeitschriften das Wort zu ergreifen, welche dem Vorurteil der Religion noch anhängen. Man könnte einwenden, was es denn schaden würde, wenn man auch dem Dissidenten das Wort gönnte. Man wird ja nicht allgemein geneigt sein, seine Gesinnung zu bezweifein; man wird nur einen Mangel an Selbstprüfling, eine Überspannung des Kompetenzgefühls in einem solchen Schritt erkennen wollen, der nicht nur die Gemeinschaft mit Milieugenossen zerreist, sondern auch eine theoretische Kompetenz sich zutraut, die einem solchen Weltproblem gegenüber näher an Anmaßung als an Wahrheitseifer grenzen dürfte. Immerhin aber glaubt man doch auch einen Wahrheitseifer in einem solchen Schritte nicht verkennen zu dürfen, und so möchte man doch noch auch einen Nutzen nicht für unmöglich halten, der aus der Mitberatung eines Dissidenten entstehen könnte. Indessen gegen alle solche Möglichkeiten erhebt die Selbstachtung ihren unweigerlichen Einspruch. Wer sich das Maß von Einsicht zugetraut hat, daß er zu einem solchen Willensakte sich entschließen konnte, welcher ein Problem für eitel und nichtig erklärt, unter dessen Last seine bisherigen Glaubensgenossen kämpfen und leiden; wer die eigene Einsicht so hoch zu stellen wagt, daß er alle die Anderen für Narren erklärt und für vom Aberglauben verirrte Schwärmer, den muß ich von mir weisen dürfen, wenn er mich an diesem zartesten Lebenspunkte belehren will. Sein Rat muß subjektiv falsch sein, auch wenn er objektiv richtig wäre. Und wer mich beraten soll, der muß mir zu allernächst subjektiv als unverdächtig, als unbefangen, als zum mindesten theoretisch nicht voreingenommen unverkennbar sein. Der Dissident mag recht haben; ich aber darf es nicht glauben, daß er recht hätte. Denn für mich muß die Religion die ewige Aufgabe des Monschengcistes und des Menschenherzens sein, wenn anders ich am Judentum mitzuarbeiten mich berufen fühle. Und jeder Artikel in einer jüdischen Zeitschrift muß ein ehrlicher Beitrag sein zur Mitarbeit am Judentum. Ein kurzes Wort erübrigt sich doch noch für die jüdische Zeitschrift selbst. Wie sehr bedarf sie der peinlichsten Vorsicht für die Pflichten der Selbstachtung bei der einsamen Lage, in der sie sich vor dem allgemeinen Forum der literarischen Welt befindet. Jede Nachgiebigkeit muß hier als Nachlässigkeit, als Pflichtverletzung gegen die Selbstbehauptung und Selbsterhaltung gelten. Wir kämpfen doch wahrlich einen Titanenkampf gegen die ganze Kulturwelt, und unser literarisches Ghetto ist noch mehr lebendig als jedo andere Form der Vereinsamung und Verstoßung, unter der wir noch überall leiden. Für uns hier gilt in erhöhtem Maße der Satz aus den Sprüchen der Väter: „Wenn nicht ich für mich bin, wer sonst? Und wenn ich allein für mich bin, was bin ich dann? Und wenn nicht jetzt, wann denn?'1 Unsere Gegenwart wahrlich drängt uns zu dieser Selbstprüfung. Wenn ich nicht selbst für meine Achtung, für die Achtung meiner Religion