Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 18 (25.6.1917)
- Article
- Der Ringkampf
- Date
- 1917-06-25
- Page
- Seite 536 (sequence 4)
- Language
- German
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536 matte Erlösung überkommt dich, als seiest du schon geborgen wahrend du zurückschleichst und nicht eigentlich in jener Postengrube weit besser gedeckt gegen Licht und Geschoß - denn jetzt wird die Helligkeit Verbündeter des Feindes. Aber die Verantwortung ist von dir genommen. In diesem halb erlösten, halb innerlich vor Entspannung bebenden Zustande taste ich langsam, tief gebückt meinen Rückweg; ich habe unser Hindernis gerade hinter mir, als drüben eine Leuchtkugel abgeschossen wird. Ich falle hin; zugleich sehe ich in der elektrischen Helle, die mit einer wundervollen tödlichen Klarheit über unsere Stellung ausgegossen ist, drei vier Meter vor mir, auf dem neuen Damme, ein weißes lachendes Gesicht und einen Arm, der nach mir zeigt. Ich gerate außer mir über soviel Unvorsichtigkeit. Ich darf mich ja nicht rühren, sonst hätten mich die Schützen drüben sofort vor dem Korne, zumal die weisende Hand ihnen Verdacht geben muß; aber ich hätte mich am liebsten auf den Kerl gestürzt und ihm beide Hände um die Backen geschlagen. Da lag er feixend, leichtsinnig bis dort hinaus, mich gefährdend und sich selbst . . . „Mensch, bist du wahnsinnig", zische ich ihm zu — aber er grinst mich an, es sdieint, daß er über meinen Ärger noch mehr lacht als über den läppischen Einfall, auf mich zu deuten. „Kerl, geh da weg oder ich lasse dich arretieren", flüstere ich wild hinauf, die Helle läßt schon nach, im Augenblick, wo sie erlischt, reiße ich mich auf und packe den Arm, der mich toll macht, da springt mir der Mann gegen die Brust, wir fallen beide, ich wehre mich, die Hand an seinem Halse, Mordlust, Rachsucht, Wut, ohne maßgebendem Griff eine erdrosselnde Gewali - und erst als er so merkwürdig schwer unter mich rollt, entdedie ich, daß ich einen Toten an der Gurgel habe und mit einer Leiche ringe. Das Grauen zog mir die Haut eisig zusammen und stellte mir die Haare auf. Ich Heß ihn fahren, schwinge mich auf den Wall, ich muß mich mitten in den Dreck siegen, mein Herz tobt gegen die Rippen, ich fasse Atem. Aber schon war der Tote aus einem irren und grauenhaften Gegner wieder mein Kamerad geworden, den ich unmöglich bei den Drähten liegen lassen konnte. Ich ging «zurück, schleifte ihn beim Kragen auf den Wall — und er war mir dennoch wieder unheimlich und beängstigend, das gestehe ich —, warf ihn in den Graben und stieg hinab. Im Unterstand, bei Wärme, bei Licht, bei Kameraden, bei Freunden, atmete ich, endlich geborgen, wieder freier; sie sahen sofort, daß mir etwas geschehen sei, ich berichtete, und es ward festgestellt, daß der Toie dem Schanzkommando