Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 18 (25.6.1917)
- Article
- Der Ringkampf
- Date
- 1917-06-25
- Page
- Seite 535 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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535 „Das Grauenhafteste? Also gib acht. Damals konnte der Englischmann unser Grabenstück seiflich beschießen, und das tat er auch. Die Ecke war windig genug, die Stellung hatte einen unglücklichen Knick, wir haben sie später ausgeglichen. An jenem Abend ging eine ganze lange Seitenwehr in die Brüche, unsere Maschinengewehre blieben nach links ohne Deckung, das durfte nicht sein. Ein Kommando wurde zum Schanzen befohlen, es war ein Damm aufzuwerfen, der das zerstörte Stück ersetzte, natürlich nur des Nachts, denn tags hätten sie uns sauber abgeknipst, wir lagen keine hundert Meter voneinander; auch mußten sie sich schleunigst niederwerfen, sobald drüben eine Leuchtkugel hochging. Gegen eins bezog ich meinen Horchposten, ich saß auf einem Brett in einem Loche dreißig Meter vor dem feindlichen Draht, ein Reisigdach maskierte mich und hielt den Regen ab. Es regnete wie jede Nacht, ein Glück für die Schanzer, mir aber wurde dadurch nicht behaglicher zumute, denn in meine Grube mündeten Ströme.*' Der Sohn schwieg — um seine Zigarre in Brand zu halten. Welche Gesundheit, dachte der Fünfzigjährige, welch herrliche unbrechbare Gesundheit! und er gedachte der Angst vor Zugluft und Nässe, in der er selbst erwachsen war. „Man ist so nahe am Gegner und ganz allein in unbeschränkter Nacht seltsamer Empfindungen fähig, Vater. Eine beherrschte Aufregung und glimmende Beklommenheit sind unvermeidlich, die Durchdringung des Undurchdringlichen als Aufgabe, jeden Augenblick neu gestellt, reibt auf. Manchmal reißt dich ein jäher Schreck hin, als sei, wenige Meter vor dir, etwas Tödliches im Wege, und du klammerst dich an die Knarre, bis eine barmherzige Leuchtkugel alles unverändert erweist. Manchmal peinigen dich Halluzinationen des Auges, vor dem es huscht und zuckt; des Ohres, dem eine Flüsterstimme oder von ferne gedämpfte Rufe zu entgehen drohen; im steten Zweifel, ob Täuschung oder Wirklichkeit - denn ein inneres Etwas warnt dich ganz leise vor restlosem Glauben verbringst du höllische Minuten. Das Rauschen in den Drähten, an denen Regen und Wind zupfen, vermag manchmal so zu trügen, als verberge es noch andere Geräusche, die dir und denen, für die du wachst Verderben bedeuten. Du verfluchst die Dumpfheit der menschlichen Sinne, du überspannst dich im Wunsche, weif, weif, bis ins Herz des Feindes die Finsternis zu durchreichen, beneidest die Katze um ihr Auge und den Maulwurf um sein Gehör. Endlich wirst du abgelöst; dies Geräusch mißdeutest du nie; eine große