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Neue jüdische Monatshefte · 1917-06-25 · Heft 18 (25.6.1917) · p. Seite 537

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 18 (25.6.1917)
Article
Der Ringkampf
Date
1917-06-25
Page
Seite 537 (sequence 5)
Language
German
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537 zugeteilt war und im Abrücken, so daß sein Verlust unbemerkt blieb, von einer zufälligen Kugel im Dunkel durch den Kopf geschossen wurde; anders konnte es nicht sein. Ich aß nichts mehr, ich vermochte es nicht, all mein Hunger hatte midi verlassen. Ich trank einen kräftigen Schnaps und noch einen, dann legte ich mich hin, aber ich vermochte in dieser Nacht nicht zu schlafen. Ich hatte Nachbilder: ein grinsendes Gesicht, weiß, ganz weiß, eine deutende Hand; er stürzt auf mich, ich fahre ihm an die Gurgel. Aber morgens schlief ich dennoch ein und erwachte erst gegen eins mit einem wütenden Hunger in den Eingeweiden. Das ist alles; mein Feind war schon beerdigt. Und nun, Papa" — er stand auf, reckte seine schmale hohe Gestalt und bot dem Vater mit einem frohen, fast entzückenden Lachen die Hand — „verabschiede ich mich. Ich muß noch in mein Zimmer gehen". „Warum", fragte der Vater, um wenigstens etwas zu sagen. „Zivil anziehen", lachte der Sohn, schon in der Tür, winkte noch und ging geschmeidig hinaus, elastisch in allen Muskeln aus Vorfreude und Sehnsucht. Der Vater sah ihm nach. In dieser Bewegung, in all dieser knabenhaften Freude erkannte er, daß die Substanz des Sohnes unverändert geblieben war. Also ist er unzerstörbar, dachte er auf- und abschreitend; also ist nichts imstande, was immer von außen auf den Menschen zudringe, ihn vom eingeborenen Gesetz weichen zu machen und den edlen Stoff zu verschlechtern. Der Krieg kann den Menschen töten, aber er ist ohnmächtig, sein Herz zu wenden. Und mit einem Gefühl der Erhebung und des tiefen Trostes, von dem er sich sehr wohl Rechenschaft ablegte, ging er daran, in der Stille der Nacht die Arbeit fortzusetzen, die seiner wartete und die die er gern tat: für den Sohn, um späterer Wirkung willen, sein Leben aufzuschreiben. Und er bemerkte in sich, als er die letzten Seiten des gestern Geschriebenen noch einmal las, einen neuen Willen zu schärferer Selbstprüfung in sich, eine schonungslose Aufrichtigkeit erfaßte ihn, und wo er sonst beschönigend als Kompromiß ausgelegt halte, was Selbstverrat war und Preisgabe eines Ideals, da setzte er das härtere Wort hin, er züchtigte sich und überwand die Scham und Eitelkeit, vor dem Sohne ein gutes Bild zu geben: denn er wußte, daß er diesem Erwachsenden die Ehrlichkeit des Mannes schuldete, und daß er ihn um solcher Offenheit nur höher ehren v/erde, ihn und sein Andenken, wenn er selbst das Leben einmal würde verlassen haben.

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