Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 18 (25.6.1917)
- Article
- Judentum und Islam in Vergangenheit und Zukunft
- Date
- 1917-06-25
- Page
- Seite 526 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908708-2909887--0859-2909914- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
526; Ich erlebte einst folgende kurze Szene zwischen einem spanischen Juden und einem Moslim aus Kloinasien. Die Zweie trafen sich zufällig hei einem Handel im Bazar, allwo sie sich zum ersten Male ersahen. Der Spaniole trug alle Merkmale seiner edlen Abstammung und stand in seiner Ruhe und Geschlossenheit wie ein Erbe vertriebener Könige da. Der Kleinasiate war nicht minder ruhig und erhaben über alles, was um ihn vorging. Sie boten beide auf ein und denselben Ring, ein kostbares Stück; ihr letztes Gebot war gleich und es blieb , unentschieden, wem der Ring gehören sollte. Mit einem Lächeln, das seine Züge wundersam verschönte, reichte der Spaniole den Ring dem Kleinasiaten hin und sprach: „Willst du, so nimm ihn du, Sohn Mohammeds" — dieses letzte mit einem Blick auf den grünen Turban des Kleinasiaten. „Nicht von dir, Sohn Abrahams", erwiderte der Moslim. Und im selben Moment blitzte es zwischen den beiden wie eine geheimnisvolle Entladung; sie sahen sich einen Augenblick an mit dem jahrhundertealten Haß; dann ließ der Jude den Ring zu Boden fallen. Beide wandten sich gleichzeitig ab und gingen ihres Weges, ohne sich noch einmal umzublicken. Dem Bieter des Ringes nützte all sein Schreien nichts, er war vergessen. Diejenigen aber, die umhergestanden hatten, lief ein Schauer an und sie gingen stumm auseinander.--- Es mag wunderlich erscheinen, so ganz im Schatten des Gewesenen zu fühlen, zu sein und zu atmen. Aber (man vergesse nicht, daß sowohl Islam wie Judentum dem Orient entstammen und die Wurzeln ihrer Kraft immer aus demselben ziehen werden. Mögen auch noch so imodern gewordene Anhänger der beiden Konfessionen auf den Plan treten und ein anderes behaupten — es sei ihnen erwidert: wer erst einmal der nivellierenden Macht des Okzidents unterworfen ist, der vermag überhaupt nicht mehr die Quellen seines Ursprungs zu unterscheiden und der kann deshalb auch nicht das erkennen, was er wurde. Die zähe, tiefe, keusche Kraft des Orients lebt in diesen beiden Religionen; die Kraft, die noch imstande ist, einen Glauben zu dem regierenden Faktor eines Menschenlebens zu erheben, die Kraft, die sich nicht scheut, ihrem Gotte in das ewige Auge zu schauen und ungeblendet, doch anbetend niedersinkt vor seiner Pracht. Heute noch walten im Islam diesolben Gewalton, die Mohammed, der Prophet, zum Lehen erweckte — heute noch im Judentum dieselben, mit denen er damals Kämpfte und die Jahrtausende vor ihm schon mächtig waren. Und heute noch lebt in beiden die Gleichheit, die sie sich so grimmig einst hassen ließ. Das Leben der Welt wie auch das Leben des Himmels steht ihnen beiden im selben Lichte eines aus Gott kommenden Glanzes, wenn auch um das Strahlen des Gottes Israels ein roter Schein leuchtet, während der Gott des Islam im blauen Lichte der Schönheit und Ruhe schimmert. Aber beide geben sie ihm hin, was sie sind und haben; beide leben und sterben sie ihm und sehen ihn vor sich in der Herrlichkeit seiner unzerstörbaren Einheit jede Stunde ihres Lebens. Und beide haben sie auch dieses gemeinsam, daß sie geneigt sind zu tun.