Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 18 (25.6.1917)
- Article
- Judentum und Islam in Vergangenheit und Zukunft
- Date
- 1917-06-25
- Page
- Seite 523 (sequence 2)
- Language
- German
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523 um; hängte ihnen sozusagen nur einige Fetzehen an, die sie landesüblicher kleideten. Aber der nüchterne, auf das Praktische gerichtete Sinn des Arabers hatte keinerlei Hinneigung zu so wesenlosen Begriffen, wie die Religion, oder was an ihre Stelle zu setzen ist, sie verlangt Der Zwang,* irgendwelchen Kult, und sei er noch so wesensfremd, für die Allgemeinheit zu haben, ließ die Götzen- " dienerei mit derselben harten und grausamen Ruhe in Kraft treten, wie sie in all seinen Handlungen das arabische Volk kennzeichnete. Es war kein System, nur ein Instinkt in diesen Dingen; kein Volksbegriff, nur ein Rotieren großer verstreuter Mengen um ein loses Zentrum. Das Fehlen einer sittlichen Verantwortlichkeit war die natürliche Begleiterscheinung dieser Zustünde, ebenso wie eine absolute Disziplinlosigkeit in organisatorischer Beziehung, wie solche überhaupt den arabischen Stämmen eigen war. Diesem sinnlosen und wilden Gemisch stand der ruhige, geschlossene, kraftvolle Monotheismus des Judentums gegenüber mit all seiner Macht der Disziplin und des Zusammenhalts, wie er sie unverändert und unbeeinflußt beibehielt. So das Bild der geistigen Strömungen um Mohammed. Wer den Koran und die Überlieferungen kennt, wird wissen und erkennen, daß zu Beginn seiner Laufbahn Mohammed nichts war — oder wenigstens nichts scheinen wollte — als nur ein begeisterter Prophet einer höheren Macht; er war ganz Instrument und sozusagen Sprachiohr. Es besteht kein Zweifel, daß — was den Koran anlangt — die schönsten und tiefsten, in ihrer Einfachheit ergreifendsten Weisheiten in dieser ersten Zeit nach der Erkenntnis seiner Sendung von Mohammed offenbart worden sind. Hier floß ein Quell, dessen Fülle unerschöpflich schien, unmittelbar aus den Brüsten der Natur — oder, wenn man so will — aus dem Herzen Gottes belebend und befruchtend über die Sandwüste irdischer Verschlossenheit hinweg. Der kleine, unscheinbare, schwächliche Kaufmann, oft von Anfüllen seltsamer Art heimgesucht, zitterte selbst vor Ehrfurcht, so er seiner Gesichte gedachte, und wagte sich nicht an die Deutung derselben heran. Es ist schwer zu bestimmen, was ihn wandelte; fest steht nur, daß er in wenigen Monden von einem ekstatischen Seher und Verkünder überirdischer Dinge zu eindm gewaltigen Organisator wurde — dem ersten,, der erkannte, daß alle Macht des Staates auf der sachgemäßen Handhabung des Religionsbegriffes begründet ist. Meiner Ansicht nach und unabhängig von ähnlichen Forschungen scheint es mir mehr als wahrscheinlich, daß Mohammed in hohem Maße bei allen seinen Handlungen von dem beeinflußt war, was ihm das Judentum zeigte. Ich sagte schon eingangs, daß Israel ihm das Muster bot, wie ein Zusammenhalt auch numerisch geringer Kräfte unter denkbar schwersten Lebensbedingungen allein durch die Kraft eines gemeinsamen Religionsgedankens auf der Basis des Monotheismus zu erzielen sei. An Zahl, Kraft und 'Waffengewalt, auch stellenweise an Reichtum waren die Araberstiimme den Israeliten Arabiens bei weitem überlegen; dennoch bewiesen die Juden immer wieder ihre Widerstandsfähigkeit und schöpften unermessene Kräfte aus der Gewalt ihrer Religion.